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18. Mai 2012
Aktuelles, Kirche

Biblischer Impuls von Katrin Göring-Eckardt auf dem deutschen Katholikentag

Biblischer Impuls von Katrin Göring-Eckardt zu Lk 5,1-11 in der Konkordienkirche am 18. Mai auf dem 98. deutschen Katholikentag in Mannheim.
Biblischer Impuls von Katrin Göring-Eckardt in der Konkordienkirche

- Es gilt das gesprochene Wort -

 Das Wagnis des aussichtslosen Fischfangs Lk 5,1-11

1 Als Jesus am Ufer des Sees Gennesaret stand, drängte sich das Volk um ihn und wollte das Wort Gottes hören.

2 Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.

3 Jesus stieg in das Boot, das dem Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit vom Land wegzufahren. Dann setzte er sich und lehrte das Volk vom Boot aus.

4 Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus!

5 Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen.

6 Das taten sie, und sie fingen eine große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten.

7 Deshalb winkten sie ihren Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, sodass sie fast untergingen.

8 Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.

9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,

10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.

11 Und sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm nach.

 

 ///

 

Liebe Schwestern, Liebe Brüder,

es ist eine in wunderbaren Bildern erzählte Geschichte,  auf die wir heute morgen blicken wollen. Es fällt nicht schwer, sich diese Szene ganz lebendig vor Augen zu führen.

Da ist eine Menge Menschen am Ufer des Sees. Mitten drin: Jesus. Von ihm haben sie schon gehört, von diesem Handwerker aus Nazareth. Ihm eilt ein Ruf voraus.   „Die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Umgebung“, schriebt Lukas (Lk 4,14). Und die, zu denen er gesprochen hatte, „waren überwältigt von seiner Lehre, denn sein Wort erging in Vollmacht.“ (Lk 4,32)

Gerade kommt Jesus aus Kafarnaum . Dort wollten ihn die Leute am Weiterziehen hindern, damit er nicht wegginge von ihnen. Doch er sagte: „Ich muss auch den anderen Städten das Evangelium vom Reich Gottes verkünden, denn dazu bin ich gesandt worden.“ (Lk 4,43) Und jetzt ist er bei ihnen am See. Sie umringen ihn, drängeln sich. Sie sind gespannt, wollen hören, was er zu sagen hat, denn sie haben erfahren, dass Gott durch ihn spricht. Und von Gottes Wort erwarten sie etwas! Sie erwarten, dass es etwas mit ihrem Leben zu tun hat. Dass es sie tröstet oder ihnen Hoffnung macht. Dass sie ihr Leben in einem anderes Licht sehen können und dass es ihren Blick weitet. Sie haben gehört, dass dieser Jesus  Wunder tut, dass seine Worte und seine Gesten gut tut. Da wollen sie nah dran sein, das wollen sie für ihr Leben auch, das wollen sie nicht verpassen.

Und da sind die Fischer. Sie gehören nicht zu denen, die Jesus am Ufer umringen.  Sie haben zu tun, sie waschen ihre Netze aus. Die ganze Nacht hindurch haben sie gearbeitet, aber sie haben nichts gefangen. Die Körbe am Ufer sind leer. Sorgenvoll mögen ihre Gesichter gewesen sein, müde. Kein Fisch heute Nacht. Ohne Fisch keine Einnahmen, kein Brot.  Noch eben die Netze auswaschen, die Boote in Ordnung bringen, dann ein wenig ausruhen. Und am Abend wieder hinaus fahren auf den See. In der Hoffnung, diesmal etwas zu fangen, um die Familie ernähren zu können.

Jesus löst sich aus der Menschenmenge, so umringt und bedrängt will er nicht predigen. Er steigt in das Boot, das Simon gehört und bittet darum, hinaus gerudert zu werden. Es ist nicht gerade das, was Simon eigentlich vorhatte, es stört auch gerade ein bisschen. Aber er tut es. Diesem Jesus ist er schon einmal begegnet, sehr persönlich sogar. Seine Schwiegermutter hatte im Fieber gelegen und die Familie hatte sich an Jesus gewandt, der in der Nähe war. Jesus war in das Haus des Simon Petrus gekommen, hatte sich über die Frau gebeugt und das Fieber war gewichen. (Lk 4,38ff) Einen Gefallen schuldete er Jesus wohl. Er stellt ihm sein Boot zur Verfügung und fährt mit ihm ein Stück vom Land weg.

Der See wird nun zur Bühne, mit dem Wind im Rücken werden Jesu Worte an Land getragen. Dort sitzen die Menschen, dicht an dicht, die Uferböschung hinauf. Sie können ihn sehen und hören und Gottes Wort in Kopf und Herz lassen. Was genau Jesus an diesem Tag lehrt, ist für unsere Geschichte nicht wichtig. Keine Bergpredigt, kein Gleichnis überliefert Lukas. Um was es eigentlich geht, das kommt jetzt:

Denn als Jesus seine Rede beendet hat, lässt er sich nicht zurück ans Ufer bringen. Er hat noch etwas vor mit Simon und dessen Fischerkollegen. Statt für die Unterstützung bis hierhin zu danken sagt er: „Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus!“ Das ist auch kein Bitten mehr sondern eher eine Ansage. Bis hierhin hat Simon geschwiegen. Er hat gemacht, worum ihn Jesus gebeten hat, auch wenn er wohl andere Pläne hatte an diesem Tag. Er hat gewartet, bis Jesus fertig ist mit seiner Predigt, eine Stunde oder zwei.

Doch nun regt sich Widerstand bei Simon. Ihm gehört das Boot, er ist hier derjenige, der Ahnung hat vom Fischen. Nachts, wenn die Schwärme dicht unter der Oberfläche schwimmen, dann wirft man die Netze aus. Nicht am hellen Tag, wenn die Fische sich in die Tiefe des Sees zurück ziehen. Er ist frustriert und müde, die ganze Nacht hindurch haben sie hart gearbeitet und nichts gefangen. Da wird es ja wohl jetzt nichts bringen. Die Netze mussten sie trotzdem flicken und waschen. Damit waren sie gerade fertig geworden. Sie jetzt noch einmal auszuwerfen bedeutet doppelte Arbeit, dann müssen sie wieder für die Nacht vorzubereitet werden. „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen“, wirft Simon ein. „Meister“ nennt er Jesus, voller Respekt und Anerkennung seiner Autorität. Aber in der Sache meldet er Bedenken an: das bringt doch nichts.

 

„Das kannst du gleich lassen, das bringt alles nichts!“ Wir haben mitunter sehr genaue Vorstellungen davon, wie etwas getan werden muss. Oder warum etwas in gar keinem Fall gelingen kann. Wir haben unser festes Bild von der Welt, und oft genug ist das ja auch erfahrunsgesättigt.

„Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen“, so fährt Simon fort. Ihm scheint das so leicht über die Lippen zu kommen, fast wie in einem Atemzug: wir haben die ganze Nacht nichts gefangen, aber wenn du es sagst…  So leicht fällt uns das nicht, uns von fester Überzeugung zu verabschieden. Aber auch Simon hat vorher diskutiert, obwohl er weiß, dass Jesus der „Meister“ ist. Er hat vorgebracht, dass das nicht werden wird, mitten am Tag. Vielleicht hat er auch leise gedacht, dieser Landratte Jesus erkläre ich mal lieber, wie das mit dem Fischen geht. Er sorgt sich vielleicht um seine Männer, die müde sind und Erholung brauchen. Und er sorgt sich womöglich um sich. Ein Fischer, der mittags die Netze auswirft, macht sich ja zum Gespött der Leute. Und doch überwindet er sich und all seine Vorbehalte. Er hält für möglich, dass es Sinn macht zu tun, wozu Jesus mit einiger Bestimmtheit aufruft. Auch wenn das allem widerspricht, was erwartbar wäre.

Den Mut zu haben, etwas zu wagen, jenseits aller Erfahrung und jenseits dessen, wie wir es immer schon gemacht haben, das spricht aus der Entscheidung des Simon, die Netzte dennoch auszuwerfen. Das Gewohnte einmal beiseite zu legen, neu zu denken, einen anderen Blick zu wagen. Jemandem zu vertrauen, die sagt, wir machen es einmal anders und ich bleibe an deiner Seite dabei. Zu vertrauen nicht zu letzt auf Gott selbst, der jeden unsere Wege mitgeht, die Umwege auch.

Es ist unser kleiner Glaube, der uns Einwände und Ausflüchte haben lässt. Obwohl wir doch von den Wundern gehört haben, die Jesus möglich sind. Obwohl wir doch selbst schon erlebt haben, dass Hoffnung wider alle Hoffnung Erfüllung findet. Dass tatsächlich geschieht, was wir nie für möglich gehalten hätten. Dennoch mischt sich in unser Vertrauen immer wieder Zweifel, in unseren Mut Angst und in unseren Glauben Kleinglaube. Doch gerade weil wir glauben, müssen Ängstlichkeit und Verzagtheit nicht das letzte Wort behalten. Und auch: nur wenn wir etwas Unwahrscheinliches für möglich halten und einen Schritt daraufhin tun, wird es uns zukommen können. Wagen wir doch, immer einmal wieder, diesen Schritt auf den Horizont zu, den wir nicht begreifen können.

Wer wagt, gewinnt – um es noch etwas profaner zu sagen. „Sie warfen ihre Netze aus und fingen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu zerreißen drohten.“ Der Glaube des Simon, sein Zutrauen und sein Wagnis gehen nicht ins Leere. Die Netze füllen sich mit einer solchen Menge, dass sie kaum zu fassen ist. Simon winkt die Gefährten auf dem anderen Boot heran, sie sollen kommen und ihm helfen. Auch ihr Boot füllt sich randvoll mit Fischen. So sind Johannes und Jakobus und alle Begleiter, von denen es am Ende heißen wird, sie folgten ihm nach, mit hinein genommen in dieses Wunder. Sie erfahren, dass Gott denen in überwältigender Fülle schenkt, die für-möglich-halten, die Gott etwas zu-trauen, die sich selbst trauen, gegen jede Erfahrung, gegen das Gewohnte und Übliche Vertrauen zu wagen.

An dieser Stelle hätte unsere Geschichte ein Happy End und wir alle ja auch schon eine Menge gelernt. Aber es geht weiter. Simon Petrus sieht sich an, wie die Fische ins Boot kommen. Erst ist da  pure Freude und Erleichterung. Es hat sich gelohnt. Ich habe richtig entschieden. Endlich Fische, Auskommen für die kommenden Tage. Doch dann hört es gar nicht wieder auf, wird unheimlich, beinahe bedrohlich. Simon, Jakobus, Johannes und alle die anderen Kollegen in ihren Booten, sie wissen nicht was sie zuerst tun sollen. Sie sehen die Fische, die berstenden Netze, ihre Boote drohen zu sinken. Sie starren auf Jesus, können nicht begreifen was passiert, vom Ufer her schallt der Ruf der Menge, die nicht weniger erschrocken ist. Simone erkennt: hier geschieht das Außergewöhnliche, ihm passiert etwas Un-Glaubliches. Dem fühlt er sich nicht gewachsen, das ist zu groß für ihn und er zu klein. Ein Schrecken erfasste ihn und sie alle. Und der erste Impuls ist: Geh weg von mir! Lass mich in Ruhe!  Lass mal gut sein! Ich bin ein ganz normaler Mensch, mit all meinen Verstrickungen. Ich habe gute Tagen und weniger gute, mit Fehl und Tadel. Ich bin es nicht wert, dass du Gott dieses an mir tust, ich bin zu gering, dir dafür auch nur zu danken. Das, was du mich hier sehen lässt ist größer, größer als ich.

Was mitschwingt ist auch das Gottesbild des Alten Testaments: Man kann Gott nicht schauen, ohne zu sterben. Simon Petrus realisiert, was gerade geschehen ist, er erkennt das Göttliche und zugleich seine menschliche Begrenztheit. Doch es ist gerade nicht Drohung, Blitz und Donner, der Simon fast zusammenbrechen lässt, sondern es ist die Wirkmächtigkeit und die überwältigende Güte Gottes.

Denn von Jesus kommt das erlösende Wort: „Fürchte dich nicht!“ Diese Zusage! Diese ausgestreckte Hand! Hier spricht nicht der ferne Gott, sondern der nahbare, Mensch gewordene Gottessohn. Ich bin bei dir! Ich sehe dich an und ich nehme dich an ganz wie du bist. Du bist nicht zu klein, nicht zu gering. Fürchte dich nicht! Ich werde dich nicht überfordern, aber dich zum Großen bewegen. Du wirst nicht sterben, da du mich gesehen hast, erkannt und begriffen, wer ich bin. Sondern du wirst  leben. Und nichts wird mehr so sein, wie es zuvor war. Ab heute wirst du  Menschen fischen. Du wirst hinaus gehen in alle Welt und Menschen von dem erzählen, was dir passiert ist.

Jesus verändert Lebensentwürfe. Er verändert den Blick auf mein Leben. Es geht nicht mehr nur um: Netze flicken, tagein, tagaus hinausfahren, Fisch fangen, Fisch verkaufen, Überleben sichern, auf ein größeres Boot sparen. Es geht darum, das plötzlich einer kommt, der etwas sagt, was mich berührt. Dass mich jemand um etwas bittet und ich es ihm gebe. Dass ich mit ihm auf den See rudere, weil das jetzt gerade wichtig ist. Es geht darum, dass ich etwas wage, was ganz und gar unwahrscheinlich ist, unvernünftig womöglich. Nur auf ein Wort hin. Und weil da eine ist, die sagt: Komm! Es geht darum, dass sich meine Hoffnung erfüllt, dass mir Unbegreifliches passiert. Nicht, weil ich es verdiene, sondern weil es mir geschenkt ist. Es geht darum, dass jemand kommt, wenn ich winke, weil mein Boot zu sinken droht. Es geht darum, dass ich mich nicht fürchten muss vor diesem unfassbar großen Gott. Er ist nicht fern, sondern ganz nah, er ist mit mir in einem Boot. Und er sagt: Fürchte dich nicht! Es geht darum, dass ich gar nicht anders kann als von der übersprudelnden Freude in mir zu erzählen. Darum, andere mit hinein zu nehmen in diese überwältigende Zusage: Fürchte dich nicht! Es geht auch darum, zuzulassen, dass mein Leben Veränderung kennt, dass manches Boot an Land gebracht und verlassen werden wird – und dass ich mich voller Zuversicht an Gottes Hand darauf einlassen kann. Ja, es geht um Gott und seinen Segen mitten in unserem Leben.

 

Zwischenspiel instrumental „Wir glauben Gott im höchsten Thron“

 

Die Fischer. Einfache Menschen sind es, die Jesus im Herzen berührt und die stehen und liegen lassen, was ihr Leben bisher bestimmt hat. Es ist nicht die Elite des Landes, es sind nicht die Mächtigen, nicht die Hochgelehrten. Es sind Menschen mit Alltagssorgen und wettergegerbten Gesichtern, mit kleinem Glück und überschaubarem Lebensradius. Es sind Menschen, die von ihrem Leben nicht mehr erwarten, als Fische zu fangen und  kleine Brötchen zu backen. Und diese Menschen, gerade diese, beauftragt Jesus dazu, Menschenfischer zu werden.  Sie sollen losgehen und sich einzulassen auf das, was bisher ohne Beispiel ist. Sie sollen denken und sprechen von etwas, das überrascht, das manchem, der um seine Macht fürchten muss, unbequem ist. Vor allem aber sollen sie von dem erzählen, was den Menschen aus dem Herzen spricht, was ihr Sehnen stillt, ihre Sorgen von der Stirn streicht, ihnen Mut gibt und Hoffnung.

Eine Aufgabe ist das also, die unfassbar groß ist. Jedoch keineswegs eine Nummer zu groß für uns. Niemand von uns ist zu klein, zu unbedeutend, zu durchschnittlich, um nicht genau das zu sein: Menschenfischerin. Jede von uns ist groß, begabt, wichtig genug, um Gottes Wort weiter zu sagen, es in die Welt zu tragen. Jeder ist schön genug, Resonanzkörper zu sein für Gottes Wort, für Gott, der durch uns spricht. Der uns Worte geben wird, die gesagt werden sollen. Der uns Mut gibt zu reden und Kraft zu handeln. Der uns an den Ort stellt, da wir beherzt anpacken sollen mit unseren Händen voller Kraft und Geschick. Und der uns den Moment weist, da wir unsere Hände zärtlich an die Wange einer anderen legen mögen, um Trost und Zuversicht hinüber fließen zu lassen.

All das heißt es doch, Menschenfischerin zu sein und Menschenfischer, oder wörtlich: Menschen lebendig zu fangen. Nicht um sie zu fangen, einzuengen, festzuhalten. Sondern um ihnen von Gott zu erzählen, sie Gott begegnen zu lassen, ihn zu schauen womöglich. Menschen lebendig fangen,  das heißt: ihnen Lebens-Retter sein. Ihre Augen strahlen zu lassen, eine Sorge zu nehmen, einen nächsten Schritt ermöglicht, die Hand reichen, damit der Sprung gewagt werden kann. Wenn Jesus dir zusagt „von nun an wirst du Menschenfischerin sein“,  dann sagt er: du kannst den Menschen eine Ahnung  geben von dem Leben, das ich für euch will: Leben in Freiheit, Leben ohne Angst. Leben, dass tiefe Täler der Verzweiflung kennt, aber auch den weiten Blick zum Horizont. Leben, in dem die Wellen bedrohlich hoch schlagen, aber in dem immer auch das Licht des Leuchtturms einen Ausweg weist.

 Es ist das Leben, von dem der Psalmist singt: Das Netz ist zerrissen und wir sind frei. (Ps 124,7) Solches Leben ist uns zugesagt. Und nicht aus uns selbst heraus haben wir Anteil am Auftrag Gottes, sondern allein durch seine Gnade. Von Christus selbst sind wir gerufen, frei zu sein. Es bedarf dazu nicht der Vermittlung durch eine andere Instanz.  Christus meint jede und jeden von uns ganz persönlich. Erhobenen Hauptes und mit geöffneten Armen, die alles erwarten, können wir vor Gott stehen. Nichts muss uns klein machen, nicht menschliches Handeln und nicht kirchliches, das eng ist, das die Luft zum Atmen nimmt, das ausschließt. Mit meinem Gott überspring ich Mauern, heißt es in einem Lied, dass viele von Ihnen kennen werden. Mit unserem Gott brechen wir auf, von ihm haben wir Heil und Segen erfahren. Wir werden das nicht für uns behalten, sondern hinaus gehen und von Gott reden und singen und tanzen. Wir wollen, wo wir es können, befreien von Angst und Furcht, von Zweifel und Selbstaufgabe. Wir wollen an unserer Kirche bauen, Menschen sammeln, sie alle mit ins Boot holen – ob sie jung sind oder alt, Mann oder Frau, katholisch oder evangelisch, oder anders glaubend oder auf der Suche. Gleich wie sie aussehen, was sie haben und wen sie lieben. Wir sind viele und wir sind Gottes Volk.

 

Lieben Schwestern, Liebe Brüder,

„Sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm nach.“ So endet die Geschichte. Interessant ist ja, dass Jesus sie dazu gar nicht explizit auffordert. Bei Markus liest sich das anders: „Und als er den See von Galiläa entlang ging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, auf dem See die Netze auswerfen. Und Jesus sagte zu ihnen: Kommt, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Und sogleich ließen sie die Netze liegen und folgten ihm“ (Mk 1,16ff). Oder an anderer Stelle noch radikaler: „Ein anderer von den Jüngern sagte zu ihm: Herr, erlaube mir, dass ich zuerst heimgehe und meinen Vater begrabe. Jesus aber sagte zu ihm: Folge mir! Und lass die Toten ihre Toten begraben.“ (Mt 8,21f)

Der, der in dieser Welt kein zu Hause hat und keinen Ort, wo er sein Haupt betten könnte, scheint von denen, die ihm nachfolgen wollen, ebenfalls Haus und Hof zu fordern. Ja, man soll die Heimat zurückzulassen und  nicht einmal mehr dem Begräbnis des eigenen Vaters beizuwohnen. Hart klingt das und unmenschlich und irgendwie übertrieben. Wenige Menschen beziehen das auf sich, stellen sich so radikal und auch wörtlich in die Nachfolge. Ein beeindruckendes Glaubenszeugnis geht von diesen Menschen aus. Aber wer das „eine Nummer kleiner“ lebt, sich im Rahmen genau seiner Möglichkeiten und mitten im Alltagsleben in die Nachfolge stellt, handelt nicht geringer.

Die Aufforderung dazu, das Gewohnte zu verlassen, ist für mich zu allererst die Mahnung zur Ernsthaftigkeit der Nachfolge. Nachfolge ist keine Nebenbeschäftigung, sondern Lebensaufgabe. Es geht nicht um „morgen vielleicht“ und „erst muss ich noch dies und das erledigt haben“. Es geht um hier und jetzt und aus vollem Herzen. Und es geht auch darum, zu überlegen, was uns eigentlich hindert, Jesu Beispiel und Vision vom guten Leben zu folgen.

In unserer Geschichte braucht es am Ende kein explizites „Hinter mich“, kein „Folge mir“. Der eigentliche Ruf in die Nachfolge geschieht schon vorher: „Von nun an wirst du Menschen lebendig fangen.“ Das ist bereits der Neuanfang. Dein Leben hat sich bereits verändert, du musst nicht erst noch irgendetwas  tun, um überhaupt mein Jünger zu sein. Du hast mich, Gott, erkannt, und hast mir in deinem  Leben eine Tür geöffnet. Und allein weil das so ist, bist du von nun an in meinem Namen unterwegs. Dass Simon und die anderen ganz selbstverständlich die Boote an Land ziehen, sie zurücklassen und aufbrechen – das ist die Antwort auf das, was ihnen auf dem See geschehen ist. Sie können und wollen gar nicht anders. Sie sind schon Menschenfischer. Sie müssen es nicht erst noch werden. Jesus hat sie längst in seine Gemeinschaft gezogen.

Es ist also keineswegs eine Bedingung, mit einem harten Schnitt alles was uns lieb ist zurückzulassen, um ordentliche Jüngerin Jesu zu sein. Es ist vielmehr längst schon geschehen. Wenn wir erfüllt sind und ergriffen von dem, wie Gott an uns handelt, dann brauchen wir gar nichts zu tun, sondern leuchten wie von innen. Wovon das Herz voll ist, des läuft der Mund über. Manchmal spüren wir selbst, dass wir etwas richtig gut gemacht haben. Dann waren wir besonders mutig oder haben etwas gänzlich Ungewöhnliches gewagt. Manchmal bedankt sich jemand, ihre Augen strahlen dann und ich  habe eine Ahnung davon: das hat mit mir zu tun. Manchmal tun wir etwas uns ganz Selbstverständliches und merken gar nicht, wie wir gerade dadurch zum göttlichen Funken im Leben einer anderen werden. Und an manchen Tagen tun wir das Große nicht und auch nicht das Kleine und es ist auch so gut. Wir müssen uns nicht neu erfinden, nicht unsere Leben  vom Kopf auf die Füße stellen, nicht alle und alles verlassen, um Jesus nach zu folgen. Aber eben uns im Herzen von ihm berühren lassen, uns ganz öffnen für Gottes Wort. Das geht nicht halb, nicht nur ein bisschen. Sondern ganz, radikal, vollständig. Und es wird unsere Haltung verändern, unsere Sicht auf die Welt, unseren Willen, zu verändern und unsere Art mit Menschen umzugehen: mitten in unserem Alltag, mitten unter denen, die wir schon lange kennen.

Wer erfüllt ist und angezogen wird von diesem Leben in Freiheit und Fülle, das Jesus verspricht, der wird spüren, welcher Weg dorthin führt. Der wird wissen, was als nächstes zu tun ist und welche Boote dringend zurückgelassen werden müssen. Wir blicken auf unsere Welt und ahnen, dass es an der Zeit ist, das Gewohnte, Bisherige  und zunehmend Zerstörerische zu beenden und neu aufzubrechen. Überall ist Krise, in Europa, in der Wirtschaft, in der Umwelt und wir müssen neu denken und anders handeln. Und zwar nicht, indem wir unter deutscher Flagge abdampfen und Griechen und Spanier untergehen lassen. Nicht indem wir die Schotten dicht machen und die Flüchtlingsboote auf die hohe See zurückschicken. Nicht, indem wir die Meere überfischen und uns alles nehmen, was gerade noch da ist. Es hilft nichts, immer wieder das Übliche zu tun, die Netze nur zu waschen und sie an allen Ecken zu flicken, immer mehr Schirme aufzuspannen und nachts auf See fahren, weil wir es immer schon so gemacht haben. Manchmal muss man einfach mittags fischen gehen.

Natürlich ist bequemer, in gewohnten Bindungen zu verharren, als ins Ungewisse aufzubrechen. Natürlich ist es auf Dauer wirklich anstrengend, gegen den Strom zu schwimmen. Und irgendwie ist es auch nah an Überforderung, sich immer wieder fragen zu müssen, ob schon reicht, was man Gutes tut. Aber die Geschichte vom Wagnis des aussichtlosen Fischfang erzählt davon, dass es geht. Und dass es gar nicht anders geht. Unaufgefordert ändern die Fischer ihr Leben, weil es durch Jesus längst verändert ist. Sie brechen auf und es fällt ihnen nicht schwer, weil sie ganz und gar überzeugt sind. Sie haben gesehen, was Gott vermag. Es ist ja schon besser, wenn man weiß, worauf man sich einlässt, wenn man etwas wagt. So hätten wir das gerne. Und es ist nicht auszuschließen, dass wir die Netze auswerfen, immer und immer wieder und dass sie leer bleiben. Doch dann tritt einer zu uns ins Boot. Und sagt: Versuche es noch einmal. Und es geht in Erfüllung, worauf wir hoffen. Es wird gestillt, wonach wir hungern und dürsten. Es wird möglich, was wir nicht begreifen können.

Wenn wir nur Bedenken haben und klagen, über Gott und die Welt und über die Kirche auch, dann spüren wir gar nicht, dass wir längst Menschenfischer sind. Dass wir nichts tun müssen, als es wirklich zu sein. Dass wir wagen können jeden Tag, mit Jesus in einem Boot, dass wir vertrauen können auf reichen Fang, aus Gnade, als Geschenk. Das ist die Zusage in aller Krisenhaftigkeit des Lebens.

So können wir losgehen, hinaus in alle Welt und hinein in unsere Welt und erzählen von dieser Zusage und tragenden Gewissheit.  Wo sind heute See und Ufer, wohin müssen wir gehen, was müssen wir tun, damit Gottes Wort gehört wird? Wovon und wie müssen wir sprechen, dass sich die Menschen danach drängen, es zu hören. So dass sie teilhaben wollen, dabei sein, weil sie spüren, dass es ihr Leben reich macht und groß?

Zu Ostern ist eine Studie der Universität Chicago erschienen zur Religiosität in christlich geprägten Ländern. Darin steht: im Osten Deutschlands glauben weniger Menschen an Gott, als in jeder anderen Region der Welt.  Der Schriftsteller Martin Mosebach hat diese Studie kommentiert und einen beinahe triumphalistischen Schluss gezogen: dass nämlich ausgerechnet der protestantisch geprägt Osten immer atheistischer werde, das habe seine Logik. Und diese Mosbachsche Logik geht so: wo Glaube vor die Kirchentür tritt, wo er sich der Welt stellt mit all ihren Wirrungen und dabei auch einmal schmutzig wird, da geht er verloren. In der Rückkehr zur tridentinischen Liturgie sucht er das Heil und er meint: „Nur wer auf den Knien glaubt, kann glauben“ (in: Häresie der Formlosigkeit, Hanser, 2007). Nichts davon verfängt in meinem protestantischen Herzen und vielleicht bin ich damit ja auch hier nicht allein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Rückzug hinter die Kirchenmauern aus Frucht zu verweltlichen das ist, was Jesus uns aufgetragen hat, wenn er sagt: Folge mir nach! Wer meint, vieles abwehren zum müssen um das Heilige zu bewahren, der hütet am Ende womöglich die Asche während das Feuer anderswo brennt.

Ich bin überzeugt: Wo Menschen fragen und suchen und auch zweifeln, wo sie wachsen im Glauben und mündige Christinnen und Christen sind, das treibt sie mitnichten weg von Gott. Die Frage der Menschen ist doch, überall, aber eben besonders im Osten, wo Traditionen abgebrochen sind: was hat Gott mit mir zu tun? Mit meinem realen Leben, mitten in meinem Alltag? Vielleicht ist das die Herausforderung heute, wenn  wir von Gott sprechen wollen. Dass Gott jeden Menschen ganz persönlich meint. Das jeder und jede schon eine Geschichte mit Gott hat, auf die er sich einlassen kann. Gott ist schon da. Und wer die Gotteskraft für möglich hält, wer -unsicher und zaghaft vielleicht- aber doch das Herz öffnet, der wird sie spüren können.  Als Heimat für die Seele, als Quell purer Freude, als Anker in wilden Zeiten, als Trost in Verzweiflung. Als Ahnung davon, das das Leben größer und weiter ist, als wir es uns vorstellen können.   

 Leben wir also nicht länger wie Fischer, voller Zweifel und Einwände. Sondern wagen wir zu leben als die Menschenfischerinnen, die wir längst sind. Folgen wir ihm nach, unserem Gott. Voller Zuversicht und Vertrauen. Denn er sagt: Fürchte dich nicht! Und teilen wir mit vielen Menschen diesen Segen Gottes, mit dem wir so reich beschenkt sind.