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Die Freiheit des Glaubens: Beitrag im Museumsmagazin des "Haus der Geschichte"
Die Freiheit des Glaubens
In der DDR bedeutete Kirche für mich vor allem eines: Freiheit. Freiheit im Reden, Freiheit im Denken. Kirche bot einen Schutzraum, in dem ein offenes Diskutieren über Dinge möglich war, die sonst nicht einmal hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen werden konnten. Kirche war ein Asyl für den Geist, in dem wider das verordnete Denken über Presse-, Reise- und Meinungsfreiheit geredet wurde. Sie war mein persönliches Trainingslager für Demokratie, denn sie lebte durch ihre demokratischen Strukturen und Prozesse das vor, was die Menschen aus der Kirche heraus gegen den Staat forderten.
In der Kirche wurde etwas Besseres als die bestehenden Verhältnisse gewollt. Dieser Hunger nach Mehr hat mich immer an jener Stelle der Bergpredigt fasziniert, in der es heißt: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“ Ich erkannte darin früh die Träume der anderen wieder, aber auch meine eigenen. Schon als Jugendliche habe ich angefangen zu sparen, um eines Tages vielleicht nach New York reisen zu können – zu DDR-Zeiten ein vollkommen utopischer Wunsch. Ohne die Freiheiten der Kirche jedenfalls, ohne Trost und Hoffnung, hätte ich das Leben in der DDR nicht überstanden und wäre ein anderer Mensch geworden. Kirche und Glaube haben mein Leben verändert und in ungeahnte Bahnen gelenkt, denn Glaube war Erlebnis und Ereignis.
Frei sein
Als DDR-Bürgerin hat für mich das Wissen, dass es da etwas Größeres als uns gibt, eine ungeheure Freiheit bedeutet. Die Anmaßungen der Diktatur konnte ich vor diesem Hintergrund als das sehen, was sie waren: menschliche Anmaßungen und nicht „die Wahrheit“. Glaube bedeutet zweifeln, zweifeln an Machtworten, an angeblichen Sachzwängen, aber auch zweifeln an sich selbst. Und dieser Zweifel hat in der heutigen Gesellschaft eine neue Aktualität. Denn die Überforderung durch innere und äußere Perfektionszwängen nimmt zu. Viele junge Menschen fühlen sich nicht glücklich mit dem, was sie wollen müssen – nicht nur junge Mädchen, die genormten Körperidealen hinterher jagen. Der Glaube an etwas Größeres lässt uns dagegen mit unserer Unvollkommenheit und Fehlern leben, so dass wir keinem unerreichbaren, narzisstisch übersteigerten Ich-Ideal hinterher jagen müssen.
Als 14-jährige musste ich im Schulunterricht meine Halskette mit einem Kreuz ablegen, weil das Kreuz zu groß war und deswegen als religiöses Bekenntnis und nicht als Schmuck galt. Solche Erfahrungen von „sanfter“ Repression müssen Jugendliche heute gottseidank nicht mehr machen. Sie fragen sich viel eher, was sie wollen sollen, als was sie dürfen. Vielleicht gerade wegen dieser Qual der Wahl hat die Freiheitserfahrung, die Glaube und Kirche bedeuten können, auch in der Demokratie für viele jungen Menschen eine besondere Anziehungskraft. Wenn ich heute mit Jungen und Mädchen rede, spüre ich eine immense Sehnsucht nach echter, authentischer Freiheit. Gegen die Scheinfreiheit, diese oder jene Turnschuhe, diesen oder jenen iPod, dieses oder jenes Praktikum wählen zu dürfen, finden sie in der Kirche offenbar eine grundlegende Freiheit, die nicht nur eine der Auswahl ist, sondern zu einem ganz bestimmten Leben führt. Zu einem Leben gefüllt mit Engagement, Gemeinschaft und echter Teilhabe. Als Präsidentin des kommenden Evangelischen Kirchentages in Dresden habe ich erlebt, dass es einen schier grenzenlosen Willen gibt, sich einzubringen. Ich war wirklich erstaunt, wie da tausende junge Leute unentgeltlich mithalfen, mitorganisierten, das große Ganze mitwuchteten, um dann am Ende während des Kirchentages auf einem Turnhallenboden zu übernachten. Da kommt eine Freude am Miteinander zum Ausdruck, die mit der oft beklagten „Ego-Gesellschaft“ nichts zu tun hat. Ob diese neue Attraktivität des Religiösen vielleicht indirekt mit der Digitalisierung zu tun hat? Womöglich führen die virtuellen „social networks“ dazu, dass man sich wieder nach der körperlichen Anwesenheit anderer sehnt, nach echter Gemeinschaft. Kirche ist ein herausgehobener Ort, der genau solche Begegnungen ermöglicht – und das nicht nur, wenn wie beim Kirchentag Festivalstimmung herrscht.
Die grundlegende Freiheit des Glaubens ist etwas radikal anderes als die Pseudofreiheit der Konsumgesellschaft, die doch nur in Perfektionsstress mündet. Denn die Freiheit des Gläubigen ist eine komplexe, vielleicht sogar paradoxe Freiheit: Der Gläubige wird dadurch frei, dass er sich an etwas Größeres bindet. Wer Jesus im Herzen trägt, wem Jesus ein „Role Model“ ist, dem kommen so manche Sachen, die im Alltag wahnsinnig wichtig erscheinen, einfach nur banal vor. Diese Bindung, so scheint mir, gibt heute vielen jungen Menschen Orientierung und Halt, ein spirituelles Obdach. Sie erleben Glaube und Kirche nicht als Zwang und Gängelung, sondern als Fröhlichkeit und Freiheit. Und als Ort der Transzendenz, an denen man nicht nur mit 17 träumen kann, sondern ein Leben lang.










