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28. Januar 2011
Zeitungen, Kirche

Ein bisschen PID gibt es nicht!

Ein Beitrag zur Präimplantatoinsdiagnostik von Katrin Göring-Eckardt für die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. Januar 2011

Nein, um Mädchen oder Junge, brünett oder blauäugig geht es in der aktuellen deutschen Debatte um Präimplantationsdiagnostik (PID) nicht. Es geht vielmehr darum, ob Embryonen künstlich erzeugt, auf schwere genetische Störungen getestet und die zuviel produzierten aussortiert werden sollen. Und es geht vor allem um die betroffenen Eltern, die fürchten,  ihre Erkrankung zu vererben. Wie wohl die meisten Paare wünschen sie sich eigene, gesunde Kinder. Niemand sollte diesen Wunsch klein reden oder relativieren. Und wer wollte Paaren nicht belastende Fehlgeburten ersparen? PID aber wirft Fragen auf, die über den nachvollziehbaren Wunsch einiger Paare hinausgehen. Bei der Beantwortung dieser Fragen spielt immer das vertretene Menschenbild eine Rolle. Das christliche Menschenbild geht davon aus, dass der Mensch nicht sein eigener Schöpfer ist, sondern dass jedes Leben ein unverfügbares Geschenk ist. Das gilt gleichermaßen für ein Leben mit und ohne Behinderung. Eltern, die mit einem behinderten Kind leben, die ihr gesamtes Leben umkrempeln und auf die Betreuung ihres Kindes einstellen mussten, bestätigen das: Natürlich sprechen sie von dem, was sie verzweifeln lässt an ihrer Situation. Vor allem erzählen sie aber von der tiefen Liebe, die sie mit ihrem Kind verbindet. Und davon, wie ihr Leben bereichert wird durch eben dieses Kind, so wie es ist. Verhindert PID Fehlgeburten, Krankheiten, das Sterben kurz nach der Geburt? Vielleicht, in einigen Fällen ja. Zu befürchten ist aber:: Den einen wird – eventuell – eine Last von ihren Schultern genommen, die aber auf den Schultern von anderen Menschen umso schwerer wiegt. Jenen Menschen, die mit Erkrankungen leben, die ihr Leben mit all seiner Schwere meistern und nun indirekt erklärt bekommen, es sei eigentlich nicht lebenswert. Wären sie vor 10, 20, 30 Jahren auf die Welt gekommen, wenn es die Möglichkeiten der PID bereits gegeben hätte? Heute gibt es die Möglichkeiten der PID und der Druck auf die Eltern steigt, die sich ganz bewusst für das Leben mit einem behinderten Kind entscheiden. Und der Druck wird größer auf alle, die keine Veranlassung sehen, Untersuchungen über sich ergehen zu lassen, die gar nicht wissen und auswählen wollen.

Vor Gott sind alle Menschen gleich. Unser Grundgesetz ist dem christlichen Menschenbild gefolgt, wenn es in Artikel 3, Absatz 3 formuliert: Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Die PID relativiert dieses Menschenbild, indem sie auswählt und letztlich festlegt, welches Leben lebenswert ist und welches nicht – wenn auch in sehr engen Grenzen. Aber wer will diese „engen Grenzen“ definieren? Wann ist ein Leben lebenswert? Wenn es nur einen Tag, nur ein Jahr, oder nur ein paar Jahre lebensfähig ist? Wer will das entscheiden? Eine Freigabe der PID führt zwangsläufig zu einer Schieflage in der ethischen Diskussion.

Bei der PID geht es immer auch um das eigene Menschenbild. Bin ich selbst Herrin oder Herr über mein eigenes Leben und damit auch über ein bereits entstandenes  Leben? Oder lebe ich aus einer Kraft heraus, die außerhalb meiner eigenen Möglichkeiten liegt, auf die ich angewiesen bin und die unverfügbar ist?

Christinnen und Christen glauben daran, dass ihr Leben nicht allein in ihren eigenen Händen liegt, das schimmert durch die alten biblischen Texte durch, wenn es etwa in Psalm 139 heißt: Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war. Dass Gottes Wege manchmal schwer zu begreifen sind, das drückt der unmittelbar folgende Vers aus: Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir. (Psalm 139, 16-18)

Kinder zu haben ist ein Lebensglück, mit oder ohne einer Behinderung. Eigene Kinder sind ein Geschenk, das glücklich macht und staunen lässt – und das doch unverfügbar bleibt. Darum glaube ich nicht, dass es ein „Recht“ auf Kinder und auf gesunde Kinder geben kann. Denn es geht nicht um uns, unsere Wünsche und Sehnsüchte, auch wenn sie noch so verständlich sind. Es geht vielmehr um die Ehrfurcht vor dem entstehenden Leben in all seiner Vielfalt.

Mir macht der gesellschaftliche Druck, möglichst perfekt zu sein, alles zu planen, zunehmend Angst. Erscheinen uns daher die Versprechungen der PID so plausibel? Ist demgegenüber das Leben mit einer Behinderung denn tatsächlich nur schwer und in vielem zu wenig? Ist es nicht wie jedes Leben ein Leben mit der ganzen Bandbreite menschlichen Daseins, mit Leid und Freude, Glück und Liebe? Christinnen und Christen glauben, dass jedes Leben zum Ebenbild Gottes geschaffen ist, nicht nur das vermeintlich gesunde und starke. Ich fürchte, dass wir mit der PID mehr verlieren als wir gewinnen können.

Bei der Diskussion um Verbot oder Zulassung der PID geht es um mehr als um individuelle Inanspruchnahme medizinisch-technischer Möglichkeiten im Ausnahmefall. Es geht um eine ethische Richtungsentscheidung, die Folgen haben wird: Wie verstehen wir Elternschaft, was muten wir unseren Kindern zu, was halten wir für wünschenswert und lebenswert wie werden wir mit denen umgehen, die Norm und Ideal nicht entsprechen können. Letztlich geht es um unser Menschenbild.

Ein bisschen christliches Menschenbild gibt es nicht, ein bisschen PID darf es nicht geben.