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29. April 2012
Interviews, Synodenpräses

„Es gibt nicht nur Katholiken und Protestanten“

Interview mit Katrin Göring-Eckardt über den von Grünen geforderten Werteunterricht in Schleswig-Holstein. Erschienen in „Schleswig-Holstein am Sonntag“ vom 29. April 2012. Das Interview führte K. Lubwoski.

LÜBECK Schleswig-Holsteins Grüne preschen vor: Wertevermittlung für alle statt Religionsunterricht für einige. „Ein Fortschritt“, erklärt Katrin Göring-Eckardt, Grünen-Politikerin und Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, am Rand des Grünen-Länderrats in Lübeck.

Schleswig-Holsteins Grüne wollen weg vom konfessionsgebundenen hin zum Religionsunterricht für alle. Bleibt Ihnen das nicht im Hals stecken?

Nein. Die Grünen in Schleswig-Holstein wollen sich nicht vom konfessionsgebundenen Unterricht verabschieden. Der Vorschlag entstand ja ausdrücklich im Dialog mit den Kirchen, und er ist auch keine Festlegung sondern ein Wunsch nach weiterem Dialog.

Wie vereinbaren Sie denn einen konfessionell ungebundenen Religionsunterricht für alle mit Ihrem Kirchenamt?

Es ist ja ausdrücklich ein konfessionell verantworteter Unterricht, über den da diskutiert wird. Kinder müssen ja erst ihre eigene Kultur und Religion kennen, um sich ein qualifiziertes Bild über andere machen zu können. Erst dann kann man ja fragen: Was bedeutet deine Vorstellung von Religion, Gott, Glauben.

Kann Religionsunterricht für alle überhaupt funktionieren, müsste er dann nicht der Ehrlichkeit halber „Geschichte der Religionen“, „Religionskunde oder „Wertevermittlung“ heißen?

Wie er funktionieren kann, wollen wir ja diskutieren. Viele Ideen werden ja übrigens schon an vielen Schulen umgesetzt. Der Vorschlag lautet nun aber, dass Religionsunterricht alle Kinder erreichen soll. Das wäre kein Rückschritt, sondern ein Fortschritt. Es geht darum, Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre eigene Religion, die eigene Kultur kennen zu lernen, um sich ein qualifiziertes Bild über andere machen zu können.

Die katholische Kirche lehnt den Grünen-Vorstoß kategorisch ab; Nordelbien ist skeptisch, aber gesprächsbereit. Bahnt sich da ein neuer Kirchenstreit an?

Der Vorschlag geht doch dahin, gemeinsam etwas Tragfähiges zu entwickeln. Realität ist aber auch, dass es nicht nur Katholiken und Protestanten gibt.

Ist Religionsunterricht dann überhaupt noch zeitgemäß?

Ja. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass es Menschen gibt, die sich damit befassen, wie ein zeitgemäßer Religionsunterricht grundsätzlich aussehen könnte. Egal, ob ein Kind glaubt oder nicht: Religionsunterricht ist ein Ort, an dem es jemanden kennen und respektieren lernen kann, der glaubt. Und selbst, wenn die Mitgliederzahlen in den Kirchen sinken – das Thema Glauben ist für jeden von Bedeutung.

Ist der Religionsunterricht für alle, der ja wie in Hamburg „in gemeinsamer Verantwortung und evangelischer Trägerschaft“ für Schleswig-Holstein vorgeschlagen ist, nicht ein Versuch, weiterhin das Heft in den Schulen in der Hand zu halten?

Was die Evangelische Kirche in Hamburg zeigt, ist ganz eindeutig Übernahme von Verantwortung. Hamburg ist eine Stadt, in der viele Kulturen zu Hause sind. Ob das Modell Vorbild für Schleswig-Holstein sein kann, wollen wir ja diskutieren.