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1. Februar 2012
Reden, Termine

Evangelische Freiheit. Und die Frage nach dem Wachstum.

Impuls von Katrin Göring-Eckardt bei der Evangelischen Studentengemeinde in Leipzig am 02. Februar 2012

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

 

Liebe Studentinnen, Liebe Studenten,

sehr geehrte Damen und Herren,

„Leipziger Freiheit“. Das ist der Slogan, den sich das Stadtmarketing für Leipzig ausgedacht hat. Freiheit, so wird hier geworben, sei die Seele der Stadt. Die Besucherinnen und Besucher werden eingeladen, die Errungenschaften der Freiheit und den damit verbundenen Geist überall in der Stadt zu entdecken und zu erspüren. Und ja, wer brächte Leipzig nicht in Verbindung mit Montagsdemos und „Wir sind das Volk“, mit dem Ruf nach Freiheit und dem Drängen zu Veränderung.

Ich bin in diesem Land aufgewachsen, das sich selbst Diktatur nannte. Diktatur der Proletariats. Die Idee dieser Bezeichnung war, dass die, die die Mehrheit bilden in der Gesellschaft, auch das meiste zu sagen haben. Und nicht  das Kapital oder der König. Man hatte nur nicht bedacht, dass das Proletariat gar nicht einheitlich war und dass nicht jeder wollte, was angeblich gut für ihn war. Und vor allem hatte man nicht bedacht, dass es immer auch die anderen gibt, anderes Lebende, anders Denkende. Vor allem die, die nicht aufgeben wollen, selbst zu denken. Deswegen funktioniert ja Diktatur immer nur mit Drohung, mit Repression, mit dem Erzeugen von Angst. Deswegen ist es übrigens eine besondere Erfahrung, frei sein zu können, in der Diktatur: zu wissen – ihr könnt alles tun, ihr könnt versuchen, mich überall einzuschränken, mich einzusperren. Am Ende ist da nur einer, dem ich untertan bin. Das ist der eine, der mich frei macht: Gott.

Dieses Geschenk von Freiheit, diese existentielle Erfahrung, frei zu sein durchzieht die biblischen Geschichten, denn es ist das große Motiv der Geschichte der Menschen mit Gott.

Sie alle kennen die Erzählung vom befreienden Auszug der Israeliten aus Ägypten. Die Plagen, das Passafest, der hastige Aufbruch und dann teilt sich das Rote Meer, die Israeliten gelangen trockenen Fußes ans andere Ufer, das ägyptischer Heer jedoch ertrinkt in den Fluten. Die große Militärmacht, die sich prunkvolle Paläste baute und als unbesiegbar galt, konnte es nicht verhindern, dass Israel sich aufmachte in ein eigenes Land. In eine eigene Zukunft. Sich aufmachte in die Freiheit. Die Geschichte Gottes mit seinem Volk beginnt mit der Freiheit. Und Gott zieht mit. Gott ist ein Gott, der mitzieht, der mitgeht. Der lebendig ist. Siehe, heißt es in den Psalmen, der Gott Israels schläft und schlummert nicht (Ps 121).

Kein Auszug einer Volksgruppe aus der Knechtschaft eines anderen Volkes, hat jemals die Weltgeschichte so verändert wie der Auszug der kleinen Schar der Israeliten aus dem mächtigen Ägypten. Ein Haufen Fronarbeiter, in einfachen und größtenteils ärmlichen Verhältnissen. Als Lumpenproletariat würde mancher sie heute bezeichnen, oder vielleicht auch als ausländische Drückeberger, die auf Kosten des ägyptischen Staates leben. Doch diese kleine Schar von Menschen ruft Gott in die Freiheit. Dieses kleine Volk, ohne Ansehen und Macht: Gott hat es lieb und also befreit er es.

Es klingt schon an, diese biblische Geschichte des Auszugs von Gottes Volk in die Freiheit, sie ist nicht singulär geblieben. Sie hat sich wiederholt, kleiner, unbedeutender, mit weniger Wunder, an vielen Orten in der Geschichte. Aber eben mit eben diesem Gefühl, dass es möglich ist, frei zu sein.

Und dann? Auch das lehrt uns die Geschichte des Exodus. Israel zog durch die Wüste. Guter Grund hätte zur Dankbarkeit bestanden. Sie waren gerade aus Ägypten ausgezogen, befreit! Nichts mehr hatten sie sich gewünscht, als frei zu sein. Fron und Knechtschaft hatten sie hinter sich gelassen. Vor ihnen lag: ein verheißenes Land, das Land in dem Milch und Honig fließen. Doch Israel murrt, es beschwert sich, kaum sechs Wochen unterwegs. „Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot in Fülle zu essen.“ (Ex 16,3) So schnell kann es gehen. So schnell ist vergessen. Und verklärt. Denn Zugriff auf die Fleischtöpfe werden sie als Sklaven in Ägypten eher selten gehabt haben.

Wir sind im Jahr dreiundzwanzig nach der friedlichen Revolution. Die Mauer, die Grenzen wurden überwunden. Dann kam der, zugegeben, schwierigere Teil. Die Menschen, die auf der Mauer getanzt haben, wurden später arbeitslos oder gingen weg. Die, die die Trabbis auf der anderen Seite mit Kuchen und Sekt begrüßten, ärgern sich über den Solidaritätszuschlag. Aber es bleibt die Freiheit. Und dass es friedlich ist.

Trotzdem hört man nicht erst seit kurzen immer wieder: „So schlimm war es ja gar nicht. Und es war ja nicht alles schlecht“. Natürlich war in der DDR nicht alles schlecht. Wir haben ein Leben gelebt, dass sich immer wieder normal anfühlte, nicht nur im Persönlichen. Aber alles und jedes konnte sofort aufhören, wenn es nicht systemkonform war oder schien, wenn eine Person in Ungnade fiel. Diese Gesellschaft war vom Kindergarten bis zum Alter ideologisch durchherrscht. Es ist zynisch, daraus im Rückblick eine kleine Idylle zu machen. Die DDR war das Land, in der man wegen einer abweichenden Meinung von der Hochschule flog, in der jemandem damit gedroht werden konnte, die Kinder wegzunehmen, wenn er nicht mit der Stasi kooperierte und an deren Mauer geschossen wurde.

Zurück zu den Israeliten, auch wenn ich es mit der Parallele nicht übertreiben will. Das Streben derer, die damals riefen: „Wir sind das Volk“ ist etwas anderes als der Auszug aus Ägypten. Schon weil wir ahnten, dass im verheißenen Land nicht Milch und Honig fließen würde. Aber wir kennen dieses Sehnen nach dem, was gerade nicht da ist. Und all zu oft übersehen wir dabei die Schätze direkt vor unseren Füßen und die Fülle, die uns längst umgibt. Und nehmen das Geschenk, frei zu sein, allzu selbstverständlich hin.

Einer, der mit allem, was ihn ausmachte, um diese Freiheit rang, war Martin Luther. Dieser Martin Luther war ein guter Menschen und ein guter Mönch , was ja beileibe nicht immer dasselbe ist. Aber Martin Luther hatte Angst. Angst vor Gott. Aber warum?

Zum Glück schreibt Luther darüber selbst, zwar erst einige Jahre später, aber dafür viel interessanter und ehrlicher als so manche Biographien, die wir heute zu lesen bekommen. "Ich konnte", schreibt er, "ich konnte den gerechten, die Sünder strafenden Gott nicht lieben. Im Gegenteil, ich hasste ihn sogar. Wenn ich auch als Mönch untadelig lebte, fühlte ich mich vor Gott doch als Sünder und mein Gewissen quälte mich sehr. Ich wagte nicht zu hoffen, dass ich Gott durch meine Genugtuung versöhnen könnte. Und wenn ich mich auch nicht in Lästerung gegen Gott empörte, so murrte ich doch heimlich gewaltig gegen ihn…" (Vorrede zu Band 1 der lateinischen Schriften 1545). Luther litt. Unendliche Qualen. Die kirchliche Ansage aus Rom war klar. Gott ist gerecht. Begehst du eine Sünde, wird dich Gott strafen. Auch das ist gerecht. Das höchste Gebot nun aber, das Jesus gelehrt hatte, lautet: du sollst Gott über alles lieben. Wie aber soll man jemanden lieben, der einen, sobald man es nicht tut, unendliche Qualen und Höllenstrafen androht? Das ist, nebenbei, auch das Problem aller gewalttätiger Herrscher, die geliebt werden wollen. Luther hatte Angst und fürchtete sich schrecklich und hasste dieses Wort von der Gerechtigkeit Gottes.

Luther ringt mit dem biblischen Text. Doch dann fängt er an zu verstehen, langsam geht es ihm auf: die Gerechtigkeit Gottes, von der Paulus in seinen Briefen spricht, das ist nicht die Gerechtigkeit, mit der Gott uns straft, sondern mit der er uns, obwohl wir Sünder sind, durch Jesus Christus gerecht spricht. Nichts ist dafür notwendig, einzig allein der Glaube. Gott ist gerecht, weil er gerecht macht. Keine Höllenstrafe, kein Fegefeuer, kein zorniger Gott – was für ein Gedanke! Plötzlich war die Angst verschwunden, die Furcht. Die Freiheitserfahrung, die das Volk Israel mit seinem Auszug aus Ägypten erlebte, die erlebte Martin Luther in seinem Inneren. Und wir können uns vielleicht gar nicht genug vorstellen, wie es ihm dabei ging: "Da", schreibt er, "fühlte ich mich ganz und gar neugeboren, und durch offene Tore trat ich in das Paradies selbst ein".

Es muss ein gewaltiges Gefühl gewesen sein, ein Staunen darüber, dass Gott da ist, dass er es gut meint mit mir, dass er mich sieht und mir so ein unzerstörbares Ansehen gibt. Und Sie kennen es: Wenn einem jemand zum ersten Mal sagt: ich liebe dich und wir es dann auch noch genauso fühlen... Plötzlich ist alles anders. Die Sonne scheint wärmer, die Blumen sind schöner, der Lärm stört nicht und selbst der nervende Grieskram von nebenan ist gar nicht mehr so schlimm. Da ist einer, der mich liebt, so wie ich bin. Der liebt mich einfach so.

Luthers reformatorische Entdeckung hat die Welt verändert. Luther hat zum ersten Mal in diesem Paulustext Gottes Liebeserklärung an den Menschen gehört. Gott, der ihn einfach so annimmt, wie er ist. Und diesen Gott, den er nicht zu fürchten braucht, den kann er lieben. Und so können wir uns vielleicht einen Martin Luther vorstellen, der verliebt durch die Straßen Wittenbergs hüpft und einen Freund nach dem anderen mit seiner Erkenntnis ansteckt, und wie manche ihn für völlig bekloppt halten. So geht es Verliebten ja nun einmal…

Mehr und mehr Menschen hören die befreiende Botschaft. Eine Bewegung entsteht und die Reformation beginnt.  Plötzlich fegte ein frischer Wind oder genauer: Gottes Geist durch das alte Kirchengemäuer. Wie ein Kartenhaus fiel das bisherige Lehrgebäude der mittelalterlichen Kirche mit Papst und Ablass in sich zusammen. Alle alte Theologie wurde geprüft und neu durchdacht. Auch das ist Freiheit, nachzufragen, warum etwas so ist, wie es ist. Und die Begründung, "das haben wir schon immer so gemacht" – die zählt nicht mehr.

Anrede,

Eigentlich sind es vier große Prinzipien, die den evangelischen Glauben prägen. Alle haben viel Freiheit in sich. Exemplarisch sei hier eines genannt. Sola fide – allein durch Glauben. Nicht wir entscheiden uns für Gott, sondern wir erkennen, dass er sich für uns entschieden hat. Es gibt keine Vorbedingung und keine Haken im Kleingedruckten. Wir brauchen Gott nur Recht geben, dass er uns als Sünder liebt und gerecht macht. Das ist der Glaube. Und "wer glaubt und getauft wird, wird gerettet werden" heißt es im Markusevangelium (Mk 16,16). Wir können uns unseres Heils ganz gewiss sein. Im Leben und im Sterben. So, wie Paulus schreibt: Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur und scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist (Röm 8,38f.).

Das macht frei – ungeheuer frei. Frei von der Angst vorm Leben und vorm Sterben, denn immer sind wir umgeben von Gottes Liebe. Was für ein Versprechen, was für eine Freiheit! Nun, auch ich will gar nicht so tun, als hätte nicht auch Angst und Furcht. Natürlich kennt das jeder von uns. Aber wir haben dieses Versprechen: ein angstfreies Leben und Sterben ist möglich. Und jeden Tag wieder können wir es stückchenweise mehr einüben. Jeden Tag auf Neue ein Stück weiter in unsere Taufe "hineinkriechen", wie Luther es sagt.

Diese Freiheit von der Angst hat Konsequenzen. Insbesondere für jene, die die Angst als Mittel ihrer Herrschaft nutzen und versuchen, sich mit Gefängnis- oder Todesandrohung die Menschen gefügig zu machen. Sie müssen damit rechnen, dass es Christinnen und Christen gibt, die sich davon nicht einschüchtern lassen. Dass der ein oder andere ihnen in ihrem grausamen Spiel in die Speichen greift. Einer, der dies tat, und mit seinem Leben bezahlte, war Dietrich Bonhoeffer. Er wurde von den Nazis im KZ Flossenbürg ermordet. An seinem Leben zeigt sich eindrucksvoll, wie widerständig diese Freiheit aus dem Glauben sein kann. "Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens", sagte Dietrich Bonhoeffer kurz vor seinem Tod.  Nun ist, Gott sei Dank, das Land, in dem wir leben ein demokratischer Rechtsstaat geworden, der uns keine Entscheidung auf Leben und Tod abzwingt. Im Gegenteil, er fordert uns sogar auf, sich einzumischen und mitzumachen.

Und da wird sie ganz greifbar, die evangelische Freiheit. Die Evangelischen sind frei, weil sie dem Evangelium von Gottes Gnade durch Jesus Christus trauen. In seiner großen Freiheitsschrift beschreibt Luther die Freiheit eines Christenmenschen bekanntermaßen so: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan". In seinem Verhältnis zu den Menschen wird der rechtfertigende Gott zum befreienden Gott. In ihrem Verhältnis zu Gott werden die gerechtfertigten Menschen zu freien Menschen. Also, "alles Freiheit, oder was"?

Nun, wenn es denn so einfach wäre, denn da gibt es ja noch etwas, was diese ganze Freiheit gewaltig stört. Denn, zum Glück, sind wir ja nicht allein auf der Welt, auch, wenn das neoliberale Weltbild so tut.  So, als ob wir alle freie Atome sind, die ohne Bindung an andere frei im Raum schweben. Oder Inseln. So wie z.B. Will Freeman, der Held in Nick Hornbys Roman "About a boy". Vielleicht haben Sie ja auch den Film gesehen. Finanziell durch eine Erbschaft gut ausgestattet, ist er der coole freie Yuppie. Schicke Klamotten, angesagte Musik, tolle Autos, attraktive Frauen. Als dieser im Fernsehen den Spruch "Niemand ist eine Insel“ hört, protestiert er: "Doch, ich! Ich bin eine Insel. Ich bin Ibiza."

Und sicher würde ihm der Satz von Luther auch gut gefallen. Folgte diesem nicht gleich auch ein zweiter. Dieser aber, wird gern häufig unterschlagen und Sie werden gleich merken, warum. Denn zusammen lauten die Sätze so: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." Frei ist der Mensch vor Gott. Ein dienstbarer Knecht aber für seinen Nächsten, in der Liebe. Denn zu Jesu höchstem Gebot gehört ja auch noch, dass wir unseren Nächsten lieben sollen, wie uns selbst.

Das nun aber hört sich im ersten Augenblick gar nicht mehr so frei an. Aber auch das ist ein wichtiger Teil der Freiheit, nur andersherum. Lassen Sie es uns so denken: Wir sind eben nicht allein auf der Welt und unser Menschsein vollzieht sich in Beziehungen. Wir mögen ja als Menschen alles Mögliche sein, aber wir sind jedenfalls keine Inseln! Und ich sage: zum Glück. Wie wäre es denn, wäre jeder von uns völlig allein? So wie Robinson Crusoe auf seine Insel. Wären wir denn dann frei? Wann ist man frei? Wenn man sich jeden Tag selbst sein Essen einsammeln und Kochen muss, oder wenn es da auch noch jemanden gibt, an dessen Kühlschrank ich ungefragt gehen darf?

Der liebevolle Umgang miteinander macht uns Menschen frei. Wenn ich weiß, ich muss nicht allein für mich sorgen. Freiheit ohne andere macht einsam und unglücklich. Denn da gibt es die anderen, die mir im Fall der Not helfen. Sicher, nicht jedem scheint diese Erkenntnis zu Eigen zu sein. Da gibt es oftmals Menschen, die offenbar lieber Hilfsbedürftige beschimpfen, als ihnen zu helfen. Sie mögen das aus mancherlei Gründen tun, aber, auch wenn sie so klingen, im Namen der Freiheit tun sie dies gerade nicht.

Anrede,

frei zu sein heißt also auch, für die Freiheit anderer Sorge zu tragen. In Freiheit leben heißt auch, Verantwortung zu übernehmen und so zu handeln, dass alle in Freiheit und ohne Angst leben können. An einem Beispiel möchte ich das zum Schluss deutlich machen, der Frage nach dem Wachstum.

Dass wir Wachstum brauchen, und davon möglichst immer mehr und noch mehr, gilt ja als gegebene Wahrheit, die nicht zu hinterfragen ist. Und wer den Wachstumsimperativ doch in Frage stellt, gilt als verrückt, als jemand, der offenbar am liebsten schnell in die Steinzeit zurück will. Doch wer ist wirklich verrückt? Ist die Wachstumslogik wirklich so rational, wie ihre Fürsprecher gerne behaupten? Wenn Wachstum das alleinige Kriterium für ein gelingendes Leben wäre, dann müsste man sich darüber freuen, wenn jemand sich in der Kneipe betrinkt und dann sein Auto zu Schrott fährt. Reparatur oder Neukauf bringen schließlich die Wirtschaft in Schwung. Anders und weniger zynisch gesagt: Der Maßstab des Wirtschaftswachstums anhand des Bruttoinlandsproduktes sagt absolut gar nichts darüber aus, wie lebenswert eine Gesellschaft wirklich ist. Wie solidarisch sie ist. Was für Kulturgüter sie hervorbringt. Wie in ihr miteinander umgegangen wird. Und, im Gegenteil: Wachstum kann gefährlich sein. Das einzige, was in der Natur immer mehr und immer schneller wächst, ist die Krebszelle, die am Ende alles Lebendige zerstört.

Der renommierte Sozialpsychologe Harald Welzer hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die gesellschaftlichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte auf Bildung, Gesundheit und Kommunikation zurückgehen und eben nicht auf Wachstum. Und viele Umfragen bestätigen: Ab einem bestimmten Niveau hat die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes nur noch einen sehr geringen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit der Bevölkerung.

Trotzdem erklingt das Mantra „Wachstum, Wachstum, Wachstum“ nach wie vor gebetsmühlenartig. Man hat fast den Eindruck, als handele es sich um einen messianisch aufgeladenen Götzen. Oder – um noch einmal zu den Israeliten zurückzugehen: Wie der Tanz des Volkes um das Goldene Kalb in der Wüste. Zum Glück gibt es immer mehr Menschen, die diesen Tanz um das Wachstums-Kalb kritisch hinterfragen. Denn Wachstumskritik ist alles andere als retro. In der politischen Debatte läuft dieser Prozess des Neu- und Umdenkens unter unterschiedlichen Labels. Manche nennen es akademisch „Suffizienz“, andere sprechen von qualitativem oder selektivem Wachstum. Wieder andere von einer ‚Ökonomie des Genug‘ oder in Anlehnung an Aristoteles vom ‚Guten Leben‘. Bei all dem geht es aber mal mehr oder weniger, mal mit dieser und mal mit jener besonderen Akzentsetzung um eine Kultur des Weniger.

Und das Schöne ist: Die gelebte Wachstumsskepsis ist erfreulich ideologiefrei. Die Kultur des Weniger hat vielmehr viel mit dem zu tun, über was ich hier reden durfte – mit der Freiheit! Ob es das Milieu der sogenannten LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) ist, die Aktivisten von „Degrowth“ oder „slow food“ oder einfach die jungen Leute, die bewusst und ökologisch einkaufen und vielleicht auf das eigene Auto verzichten: Sie alle stehen für einen kulturellen Wandel, in dem sich individuelle Werte wie Nachhaltigkeit und die Lust am Genuss mit dem zentralen Wert der Freiheit verbinden. Denn die neuen Wachstumskritiker sind keineswegs wandelnde Spaßbremsen, die uns bei trocken Brot und Bionade im groben Jutesack am spartanischen Bio-Holztisch sitzen haben wollen. Der Wandel der Lebensstile kommt ohne Verzichtsappelle aus. Statt Askese sind die neuen Lebensstile ein Versprechen auf mehr Freiheit. Es handelt sich um Emanzipation im besten und aktuellsten Sinne: Emanzipation von der Behauptung, dass uns einzig und allein „mehr Wachstum“ glücklich machen könne. Und dass darin der Sinn des Lebens bestehen würde. Der Sinn des Lebens besteht aber in einer Hinwendung zu meinem Nächsten – ihn und sie zu lieben wie mich selbst auch.

Sie sehen: Freiheit ist eine ganz wichtige und zentrale Idee, wenn es darum geht, Antworten auf aktuelle Fragen und Fragen der Zukunft zu finden. Als getauftes Kind Gottes, in christlicher Verantwortung und Freiheit, das an nichts gebunden ist außer an Gott selbst – die Liebe zu ihm und zum Nächsten. Denn wir sind frei. Frei, Dinge zu tun oder sie zu lassen. Frei, Steine weg zu werfen oder sie einzusammeln, frei zu pflanzen oder auszureißen, was gepflanzt ist (Prediger 3). Unsere Welt braucht Christinnen und Christen, die ehrlich und nüchtern sagen, was dran ist - auch auf das Risiko hin, dass sie sich irren. Der prophetische Gestus ist immer auch ein gefährdeter Gestus, aber ohne ihn ist die Welt um eine wichtige Stimme gebracht.

Darum liebe ich auch die evangelische Kirche und fühle mich in ihr beheimatet… wegen der Freiheit. Der Freiheit im Glauben und der Freiheit der Kirche. Ich glaube, im Kern ist unser Glaube ein wunderschöner Segen Gottes. Er gehört zu den grundlegendsten, schönsten und wichtigsten Dingen, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe: Welch ein Reichtum, welch ein Staunen über Gottes Gegenwart, welch eine Weite, die sich dem Herzen öffnet und den Geist frei macht. Welch eine Freiheit!

Und es gibt so etwas wie eine Schönheit des Glaubens, einen Glanz, ein Licht, das uns zu aufrechten, fröhlichen, liebensfähigen und liebenswürdigen Menschen macht. Das liebe ich. Und unsere evangelische Kirche ist keine starre Ordnung, ein für alle Mal gesetzt, die selbst keine Freiheit zuließe. Sie ist eine Kirche im Wandel, eine Kirche, die schon immer in Bewegung ist. Und zu einer Kirche in Bewegung, dazu gehören Menschen, die lachend, aufrecht, selbstbewusst und dankbar von Gottes Güte reden und keine Angst haben vor dem, was kommt. Denn Gott ruft uns in die Freiheit, lässt uns aufbrechen in die Zukunft und kommt uns selbst dabei entgegen. Was für ein Glauben könnte denn für Freiheitsliebende schöner sein?