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14. Oktober 2012
Aktuelles, Kirche

Festgottesdienst 60 Jahre Johanniter-Unfallhilfe

Predigt von Katrin Göring-Eckardt zum Festgottesdienst 60 Jahre Johanniter-Unfallhilfe am 14. Oktober 2012 in der Heilig-Kreuz-Kirche Berlin

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebr 13,14)

Minus zwanzig Grad. Das ist, zum Glück, noch nicht der Wetterbericht für morgen. Aber das war die Situation Anfang Februar 2012. Eine eisige Kältewelle hält Deutschland im Griff. Und während man am liebsten gar nicht vor die Tür treten möchte, wird klar: in Berlin gibt es nicht genügend Notunterkünfte für Menschen ohne Obdach. Eine Handvoll Johanniter beschließt: Wir müssen etwas tun. Und innerhalb von zwei Tagen ist die Kältehilfe organisiert, mit warmer Suppe und heißem Tee, mit der Möglichkeit, sich aufzuwärmen und auch über Nacht zu bleiben: Hier in den Kirchenräumen von Heilig Kreuz.

Das ist eine Geschichte von vielen, die erzählt werden können von jedem Tag in 60 Jahren Johanniter Unfallhilfe. Was ist es, das Sie, die Mitglieder der großen Johanniterfamilie, immer wieder dorthin gehen lässt, wo Hilfe nötig ist: im Kongo oder im Kieztreff. Was ist es, das sie sich hinwenden lässt, zu denen, die alt sind und einsam, zu denen, die trauern.

Vielleicht gibt es eine Antwort darauf: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ So steht es im Neuen Testament, im Hebräerbrief. Als der geschrieben wurde, war die Erinnerung an das Wirken Jesu noch ganz lebendig, es war gerade 70 Jahre her. Man erinnerte sich noch gut daran, dass er immer wieder so gehandelt hat, wie man es gerade nicht erwarten würde, quer zum Mainstream. Er hat sich mit denen an den Tisch gesetzt, mit denen sonst niemand etwas zu tun haben wollte. Er hat die Armen, Kranken und Notleidenden zu sich in die Mitte geholt hat, die bisher ganz am Rand standen. Er hat genau hingesehen und quer gedacht, er hat mit Bestimmtheit davon gesprochen, dass die selig sind, die Frieden stiften. Von dieser Vision ist die Hebräer-Gemeinde noch unmittelbar erfüllt. Sie erwartet, dass sich in naher Zukunft alles bewahrheitet und der Herr machtvoll und herrlich auf die Erde zurückkommen wird.

Das ist nun 2000 Jahre her. Und die Idee, dass morgen das Reich Gottes auf Erden anbrechen könnte, ist etwas vage geworden. Aber, es gibt sie immer wieder und durch die Geschichte hindurch: die Hoffnung darauf, dass nichts bleiben muss, wie es ist. Die Gewissheit, dass wir etwas tun können und tun müssen. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir." In diesem Satz steckt dieses drängende Sehnen nach Veränderung. Das Sehnen nach einer Stadt, in der alle gut, in Freiheit und ohne Angst leben können. Wir können nicht zufrieden sein, mit dem, was wir hier vorfinden. Wir wollen uns nicht abfinden mit Ungerechtigkeit, Krieg und Zerstörung. Dafür klingt uns die von Jesus Christus gepredigte Vision zu deutlich in den Ohren: "Selig sind die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig sind die, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden." (Mt 5,4-6)

So soll die Stadt, so soll die Welt sein, in der wir künftig leben wollen. Und wir wollen aufstehen und sie suchen, nicht sitzen bleiben und ausharren. Wir wollen nicht untätig Hoffen auf bessere Zeiten. Sondern wir werden handeln und selbst schon heute so leben, dass die, die nach uns kommen Wasser zum Trinken und Luft zum Atmen haben. Wenn wir die zukünftige, die verheißene Stadt suchen, dann werden wir nicht hinnehmen können, dass Flüchtlinge in die Länder zurück geschickt werden, aus denen sie aus Angst um ihre Existenz  geflohen sind. Sondern wir wollen dafür sorgen, dass sie angenommen und versorgt werden und dass sich die Verhältnisse in ihrer Heimat so verändern, das sie nicht mehr fliehen müssen. Wir werden nicht hinnehmen können, dass nicht alle Kinder in Deutschland ein warmes Mittagessen haben und den gleichen Zugang zu Bildung, wie ihre Altersgenossen, die nicht Kevin heißen, sondern Konrad. Wir werden sie unterstützen und fördern, damit sie zu den Menschen werden, die sie sein können, mit allen Talenten und Begabungen.

Wer strebt nach der zukünftigen Stadt, wer nach dem guten Leben sucht für mehr als für sich selbst, der lebt in großer Verantwortung aber zugleich auch mit sicherem Halt. Denn es gibt die Zusage, wie sie im achten Vers des Hebräerbriefs beschrieben ist: "Jesus Christus, gestern und heute derselbe, bleibt es auch in Ewigkeit." Da ist einer da, über alle Generationen hinweg. Jesus, der uns hält und das Heil verspricht. Uns heute genau so wie den Jüngerinnen und Jüngern der ersten Stunde. Jesus Christus, der heute da ist und auch morgen da sein wird. Der uns bewahrt, egal, was geschieht. Es ist dieses unbedingte  Gefühl, geborgen zu sein, das Eltern ihren Kindern mitgeben und das wir erfahren dürfen von Menschen die uns lieben. „Egal, was passiert oder was du tust, ich bin da und ich werde da sein.“ Das gibt uns Grund, Halt, festen Boden unter den Füßen. Und das macht uns mutig und frei, Jesus nachzufolgen. Es wird uns im Warmen nicht gut gehen, solange draußen gefroren wird. Das treibt uns an, immer wieder vor die Tür unser sorgsam eingerichteten Wohnung in dieser Stadt zu treten und vor die Tür unserer Kirchen auch. Wir haben hier keine bleibende Stadt. Wir können loslassen, was uns vereinnahmt, was unsere Kräfte bindet und was am Ende doch nur Schätze sind, die von Motten und Rost zerfressen werden, wie es der Evangelist Matthäus beschreibt (Mt 6,19). Wenn wir loslassen, dann haben wir die Hände frei, sie anderen zu reichen. Und wir können losgehen und suchen nach der zukünftigen Stadt, in der die Gerechtigkeit wohnt.

Bis wir die Stadt finden, die zukünftige, wird uns nicht gleichgültig sein, wenn es in unserer Gesellschaft und weltweit ungerecht zugeht. Wir können genau hinsehen und quer denken. Wir können uns mit denen an einen Tisch setzen, mit denen niemand essen will. Wir können die in unsere Mitte holen, die am Rand stehen. Wir können die sein, die das Notwendige tun. Das, was die Not wendet.  Auch im nächsten Winter. Bei minus 20 Grad.