Informationen zum Grünen Steuerkonzept
Fan werden! Katrin Göring-Eckardt auf Facebook
Link zu den Texten in leichter Sprache
Banner um den Newsletter zu bestellen
Banner Online-Debatte Mitgliedentscheid
Abwählkalender
We all are Ales
Link zu www.gegen-gasbohren.de
leckere vegetarische Rezepte
Klima sucht Schutz
29. April 2012
Synodenpräses, Termine

Gottesdienst Jubilate in der Evangelischen Kirche Bad Soden

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

Wer bekommt wie viel Geld? Welche Projekte fördert die evangelische Kirche in Deutschland? Wofür soll Geld ausgegeben werden? Wir müssen und dürfen verantworten, was Gutes geschehen soll mit zur Verfügung stehenden Mitteln. Und mitten hinein in eine solche Diskussion erzählte ein Mitglied des Rates, wie sie einmal als junge Frau angekommen ist auf einem Bahnhof in Süddeutschland. Es war spät abends, der letzte Zug, Gestrandet. Fremd. Nachts allein auf einem unwirtlichen Bahnhof. Und ohne Geld, um sich ein Hotelbett leisten zu können. So stand sie nun da – und vor sich mehrere Stunden einer dunklen und kalten Nacht und allerlei Ängste, vor denen ihr graute. Es gab hier nichts, außer dem Ort für Obdachlose, Behinderte, denen man beim Aussteigen hilft und Lebensuntüchtige: Die Bahnhofsmission. Nicht für sie bestimmt, das Kind aus guten Verhältnissen. Ob sie sich nun selbst an die Frauen und Männer der Bahnhofsmission wandte oder ob die Mitarbeiterinnen die junge Frau von sich aus ansprachen – das weiß ich nicht mehr. Ich weiß aber noch sehr genau, wie ihre Augen leuchteten, als sie uns davon erzählte. Und wie dankbar sie war, in dieser Nacht Ansprache und Unterschlupf gefunden zu haben. Dass sie etwas zu Essen bekam und ein warmes Getränk, dass sie in freundliche Gesichter blicken und mit Menschen reden konnte: Dies sei ein Erlebnis gewesen, das sie zutiefst geprägt habe in ihrem Leben. Und sie würde daran immer wieder und voll Dankbarkeit zurückdenken. Und nicht nur, dass die Bahnhofsmission nun in jedem Jahr eine Spende bekommt, sie weiß seither, dass es eben auch in einem noch so reichem Land nicht geht, ohne Zuwendung und Beistand, ohne Hilfe in der Not, ohne Menschen, die nicht lange fragen, sondern einfach tun.

Ich bin davon überzeugt, liebe Gemeinde, dass es solche vermeintlich kleinen Erlebnisse sind, die uns für unser Leben und nachhaltig prägen. Natürlich haben wir das Große im Gedächtnis. Das, worauf die Weltöffentlichkeit die Scheinwerfer richtet, erinnern wir oft sogar kollektiv und heute auch mit gemeinsamen Bildern. Der Fall der Mauer, 9/11, die Tsunamiwelle, oder etwas anders: der Kirchentagsgottesdienst mit den 100 000. Die großen Dinge haben wir im Gedächtnis. Die kleinen aber im Herzen. Ein Lied auf dem Weg, ein überraschendes Kompliment, ein verrückter Kindersatz, ein kleines Geschenk, eine offenen Tür oder eben ein heißer Tee. Erlebnisse und Ereignisse, die mit Geld nicht zu bezahlen sind – denn hätte das Geld meiner Ratskollegin damals für ein Hotelzimmer ausgereicht, sie hätte diese Nacht in der fremden Stadt doch längst vergessen.

Im Predigttext, der für den heutigen Sonntag Jubilate vorgeschlagen ist, geht es um das, was sichtbar ist und um das, was unsichtbar bleibt im Leben. Er steht im zweiten Brief des Apostel Paulus an die christliche Gemeinde in Korinth, er findet sich im 4. Kapitel und umfasst die Verse 16 bis 18.

Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

Ich bleibe am letzten Satz aus diesem Text von Paulus hängen: Was sichtbar ist, das ist zeitlich, aber was unsichtbar ist, das ist ewig.
Alt ist er mit den Jahren geworden, als er diesen Text schreibt, Paulus, der unermüdliche Apostel, der durch die gesamte bekannte Welt gereist ist und das Evangelium gepredigt hat. Viele Menschen hat er damit begeistert und sie haben sich taufen lassen. Die christliche Gemeinde ist stetig gewachsen. Aber in der von ihm gegründeten Gemeinde in Korinth gibt es mittlerweile auch Bestrebungen, die ihn als überholt, als "out", ansehen. Mit einem Lächeln über diesen alten Mann sprechen. Viele wünschen sich neue Anregungen und frischen Wind, die nächste Generation ersehnt neue Köpfe zur Verkündigung der Frohen Botschaft von Gottes Liebe in der Welt durch seinen Sohn Jesus Christus. Es braucht endlich moderne Methoden, neue Bilder, anständige Öffentlichkeitsarbeit, mehr Präsenz, mehr Transparenz, mehr Charisma! Paulus tut wohl, was ihm gute Berater heute auch vorgeschlagen hätten. Er bleibt sich treu und glaubwürdig, er macht keine Verrenkungen, sondern tut, was er am besten kann: er redet von Gott nicht in Parolen, sondern so, dass es das Herz berührt. Das Sichtbare, das Äußere, ist vergänglich, das Unsichtbare aber, das Innerliche, das bleibt. Der Körper nimmt ab und schwindet. Das Herz aber, die Seele bleiben. Heute feiern wir ja hier Stiftungsgottesdienst. Und nicht nur wegen all der Verdienste Ihrer Stiftung, wegen all dem Sichtbaren, das in den letzten Jahren entstanden ist, wissen wir, dass es mitnichten völlig gleichgültig ist, wie die Dinge von außen anzusehen sind. Es ist nicht egal, ob das Dach der Kindertagesstätte undicht ist oder ob es sie überhaupt gibt. Es ist nicht egal, ob es Hilfen zur Erziehung gibt und Jugendarbeit.

Dennoch sind wir hier definitiv im Bereich des Sichtbaren. Und es ist ja auch gut, dass Sie sehen können, was Ihr Engagement austrägt. Und natürlich ist es immer auch ein Evangelium, eine gute Nachricht, wenn wir als Christinnen und Christen in der Welt etwas bewegen, Gutes tun, uns einsetzen, sie ein wenig besser machen. Und natürlich fallen uns allerlei biblische Sätze und Gleichnisse ein, die darauf genau passen würden.

Doch heute, an diesem Sonntag, der uns auch noch Jubilate – Jubelt! – heißt, an diesem Sonntag steht uns dieser Paulus im Wege beim einfachen Freuen und fröhlich sein über das Erreichte. Der Paulus, der in der Defensive ist, macht wieder einmal klar, dass das alles noch nicht reicht. Diese Typen haben wir ganz besonders gern. Du tust etwas und natürlich ist es nicht genug. Du tust mehr und natürlich ist es das Falsche.

Was sichtbar ist, das ist zeitlich. Es wird von Motten und Rost zerfressen, heißt es bei Matthäus (Mt. 6,19.20). Das Unsichtbare aber ist ewig. Ich will mit Ihnen gern einen Moment auf die Suche gehen, nach dem Unsichtbaren. Was ist das Verborgene, das, was wir nicht sehen und doch glauben? Was ist das, was bleibt?
Die Zeit, in der wir leben, ist ja nicht allein unsicher, krisenhaft, unübersichtlich. Wir leben auch in einer Zeit der Gottesverborgenheit. Und womöglich sogar noch mehr: vielleicht leben wir sogar, ohne Gott überhaupt zu suchen. Unsere Seelen werden so heimatlos, wie wir selbst es schon sein müssen. Immer auf Achse, immer verfügbar, immer flexibel. Ich weiß nicht, wie viele von Ihnen sagen würden, dieser Ort hier, an dem ich jetzt wohne, das ist meine Heimat. Das war wohl einmal einfacher. Das kannte man die Scholle genau, die die eigene war. Und auch um den auf der Nachbarscholle wusste man ganz gut. Heimat, das war Zugehörigkeit zu einem Ort, zu einer Familie, zu einem Milieu und all das zusammen.

Dass wir uns also an Sichtbares halten, ist mehr als verständlich und doch: als Christinnen und Christen haben wir eine Heimat, die nicht aus Steinen, Fluss und Panorama besteht. Als Christinnen und Christen haben wir unsere Heimat auch in Gott, in der Suche nach ihm, auf den Wegen, die er in unsere Seele schreibt. Dass Gott uns hält, dass wir nicht allein sind, weil er an unserer Seite bleibt, wie bei den Emmausjüngern (Lk. 24, 13-35), das haben wir oft gehört und gesagt. Und trotzdem ist unser Herz immer wieder eng, wenn wir nicht recht wissen, wo wir hin sollen, wen wir anrufen könnten, weil es dunkel ist vor der Stirn.

Die Suche nach Gott, die Suche nach Heimat in ihm, an Beheimatung glauben zu können, und daran, dass "in meines Vaters Hause viele Wohnungen" sind (vgl. Joh. 14,2), ist mehr als eine Idee oder etwas irgendwie Transzendentes. Es ist das Wagnis, innerlich zu sein. Es ist der Mut sich trösten zu lassen, und die Hoffnung, bei sich, bei Gott bleiben zu können, auch wenn die Welt noch so unruhig ist. Die drastischen Beispiele kennen wir wohl, von denen, die nach dem burn-out ein neues Leben anfingen, ganz anders. Ich wünsche uns, dass wir das nicht brauchen, nicht den ganz großen Schnitt. Sondern, dass unsere Gottessuche im Alltag wohnt. Dass sie uns freuen lässt am Kleinen – dass sie uns zweifeln lässt freilich auch. Und dass sie uns tun lässt, nicht zuletzt. Aber vor allem gehört wohl eines dazu: dass wir uns überraschen lassen können. Dass es eben nicht vorgegeben ist, was richtig ist, dass die gute Tat nicht schon fest steht und dass immer schon klar ist, wer auf der richtigen und wer auf der falschen Seite steht. Dass wir uns überraschen lassen können von unserem Gott, weil er sich zeigt. Vielleicht in der Musik, die uns so zu Herzen geht, vielleicht in dem schwierigen Gedanken, der uns tagelang erfasst. Und vielleicht überrascht er uns auch, indem er uns eine Nacht lang die Geborgenheit der Bahnhofsmission inmitten eines kalten und unwirtlichen Bahnhofs schenkt – ein vermeintlich kleines Erlebnis, das doch ein ganzes Leben zu prägen vermag. Denn wenn der Himmel sich im Menschen spiegeln kann, entsteht Innerlichkeit; ohne Himmel aber verlieren wir auch die Weite in uns.

Liebe Gemeinde,

es ist gut und beeindruckend und extrem hilfreich, was Sie hier tun. Und falls es nicht oft geschieht, will ich Ihnen Dank sagen dafür. Und doch will ich Ihnen gern noch ein kleines wunderbares Päckchen aufladen, bei all dem. Suchen Sie nach Gott in dieser Welt, schauen Sie in verborgene Säle Ihrer Seele, und dann: erzählen Sie von ihm, von all dem Wunderbaren und Erstaunlichen, erzählen Sie von Gott und von dem, was nicht sichtbar ist. „Dein Glaube hat dir geholfen“ heißt es im Gleichnis ("Heilung der blutflüssigen Frau", Matthäus 9, 18-22par). Dein Glaube hat dich gehend gemacht. Vielleicht lässt uns der Glaube heute ja ankommen, zu Hause sein, in einer unbehausten Welt. Tun Sie Gutes und reden Sie gut von Gott. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

Und der Friede Gottes, der viel größer ist als all unser Begreifen und unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.