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16. Januar 2012
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Mehr Werte statt Mehrwert

Kommentar für die Braunschweiger Zeitung, 13.01.2012

Als in diesen Tagen die neuesten Wachstumsberichte zur deutschen Wirtschaft erschienen sind, war das wie so oft ein medialer Aufreger, der sich sofort in großen Schlagzeilen niedergeschlagen hat. Denn: Im nächsten Jahr droht uns ein Miniwachstum von 0,5 % oder gar eine Rezession! Und wir alle wissen doch, nur durch Wirtschaftswachstum ist unser Wohlstand und damit unser „gutes Leben“ aufrecht zu erhalten!

Wirklich? Ist Wachstum das wichtigste Kriterium für ein gutes Leben? Oder ist es nicht eher so, dass wir uns langsam Gedanken machen sollten, unser Leben und Wirtschaften daraufhin zu untersuchen, wie es sich ohne ein stetiges Wachstum entwickeln würde? Es gibt gute Gründe, von der Wachstumsfixierung abzurücken. Da sind zum Beispiel die immensen Schäden an Umwelt und die Begrenztheit fossiler und natürlicher Ressourcen, nicht nur in unserem Land, sondern weltweit. Da sind aber auch die Spuren, die das Wachstumsmantra bei uns hinterlässt: Immer mehr leisten müssen, immer länger arbeiten, weil wir ja in globaler Konkurrenz stehen, und dabei kommen die Gewinne aufgrund der sich immer weiter öffnenden Einkommensschere bei vielen gar nicht mehr an. Psychische Krankheiten und Burn-Outs nehmen beängstigend zu in dieser auf Wachstum gepolten Gesellschaft. Soll, kann es auf ewig so weitergehen?

Es geht aber nicht nur um die Begrenztheit von Ressourcen und die Endlichkeit menschlicher Leistungsfähigkeit, die in meinen Augen eine Abkehr vom reinen Wachtumsgedanken notwendig machen. Es ist auch die Frage, welche Werte außer dem Mehrwert zählen sollen. Das Bruttoinlandsprodukt sagt nämlich nichts darüber aus, wie solidarisch eine Gesellschaft ist, was für Kulturgüter sie hervorbringt, wie miteinander umgegangen wird, ob das Leben in ihr lebenswert ist. Das ist kein weltfremder Appell, in Askese zu leben und uns auf den Weg zurück in die Steinzeit zu begeben. Aber wir sollten uns darüber klar werden, dass es zukünftig nicht einfach um eine Steigerung des Bruttoinlandsproduktes geht, sondern um mehr Wohl-Stand, und zwar nicht nur für Wohl-Habende.

Das sehen übrigens immer mehr Menschen so: Zwei Drittel aller Deutschen erwarten keine automatische Verbesserung ihrer persönlichen Lage, weil die Wirtschaft wächst. Anlass genug, darüber nachzudenken, was uns etwas wert ist – Zeit, soziale Beziehungen, eine gesunde Umwelt und ein glückliches, ein gutes Leben. Wie gut es ist, werden wir nicht am Bruttoinlandsprodukt ablesen können.

Katrin Göring-Eckardt ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen.