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4. Juni 2011
Kirchentagspräsidentin, Interviews

Mit dem Kompass des Herzens leben

Interview mit Katrin Göring-Eckardt für das blick-Magazin „Herzenssache“, Tageszeitungsbeilage der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck

Warum wählte man das Motto „... da wird auch dein Herz sein“ gerade für diesen Kirchentag in Dresden?

Das Motto des Kirchentags wird über ein Jahr im Voraus festgelegt und hat insofern immer auch etwas Prophetisches. Und ich finde, es ist nun sehr passend: Wofür schlägt unser Herz, was ist wirklich wichtig, was trägt und zählt? Das sind fragen, die viele Menschen bewegen in einer Zeit voller Umbrüche und auch Ungewissheiten.

Inwiefern prägt die Losung den Kirchentag, ist er so angelegt – das Wortspiel sei gestattet – ein besonders herzlicher zu werden?

Natürlich prägt die Losung einen Kirchentag, sie gibt ja einen gewissen Rahmen, eine Leitidee vor. Aber nicht nur, weil die Herzhände zum Symbol des Dresdner Kirchentags geworden sind oder weil es Luftballons in Herzform gibt, prägt das Herz den Kirchentag. Vielmehr bin ich sicher, dass die Menschen mit ganzem Herzen da sein werden, sehr aufmerksam, sehr bewusst. Und zugleich werden sie aus vollem Herzen ihren Glauben feiern können, lebendig und fröhlich.

Was bedeutet es für Sie, mit dem „Kompass des Herzens“, wie Sie es genannt haben, das Leben (nicht nur das private) zu gestalten?

In der Bibel wird das Herz ja nicht als Ort des Gefühls verstanden, so wie uns das heute geläufig ist mit Herzschmerz, Emotion und ganz viel rosarot. In der Bibel ist das Herz der Ort von Denken und Verstand, von Planen und Tun, es ist die Mitte des Menschen selbst. Und so verstehe ich den Kompass des Herzens: was ich im Herzen bewegt habe, das gibt die Richtung meines Handelns vor und was ich mit ganzem Herzen tue, das macht mich aus.

Die Kirchentagslosung thematisiert ja auch: Was zählt im Leben? Welche Schätze sammeln wir? Der Kirchentag wird darauf sicher Antworten geben. Wie würden Sie die Frage persönlich beantworten?

Leben wird immer dann groß, wenn wir nicht bei uns selbst bleiben. Wenn wir lieben, wenn wir aufmerksam sind, wenn jemand unsere Hilfe braucht, wenn wir teilen, weil ein anderer weniger hat als wir. Oder wenn wir großartig beschenkt werden, weil jemand ein Stück des Wegs mit uns geht. Das sind für mich himmlische Schätze.

Im Osten spielt der Glaube, spielt die Kirche eine weniger große Rolle. Wie will der Kirchentag in Dresden die Herzen der religiös unmusikalischen Menschen erreichen?

Schon während der Vorbereitungszeit bin ich immer wieder beeindruckt, wie offen und herzlich die Dresdnerinnen und Dresdner den Kirchentag willkommen heißen. Seien es die städtischen Behörden, die ganz viel möglich machen oder eben die beeindruckende Zahl von 10.000 Übernachtungsmöglichkeiten, die in privaten Wohnungen und Häusern zur Verfügung gestellt werden. Und der Kirchentag wird mitten in der Stadt sein. Kirchenferne empfinden ja oft Unbehagen, durch die Kirchentür zu treten. Doch Kirchentag kommt ihnen entgegen. Er findet nicht in geschlossenen Räumen, nicht als geschlossene Gesellschaft statt. Sondern auf den Straßen und Plätzen, am Elbufer, im Museum. Und in den Kirchen wird gesungen, gefeiert – und diskutiert, über Fragen, die gleichwohl Christen wie Menschen ohne Glauben bewegen. Kirchentag ist Glauben direkt erfahren, Glaubende treffen, einladend, lebensnah. Und im besten Fall so ansteckend fröhlich, dass die, die nur mal so zum Schauen gekommen sind, das Lächeln und das Lachen zurückgeben, dass Freude gemeinsam wird.

Können die Christen eigentlich „fröhlichen Herzens“ bleiben angesichts einer Welt voller Krisen, einer Welt, „die sich seit Januar verändert hat“, wie Sie es formulierten?

Ja, auch wenn es manchmal so dunkel ist, dass sich Licht nur noch erahnen lässt. Aber es ist die Zusage Gottes an uns, dass er da ist und da bleibt, die unser Herz fröhlich machen kann. Wir feiern beim Kirchentag unseren Glauben, der begeistert und anspornt, euphorisiert und jubel lässt. Und der auch leise Antworten kennt auf die Fragen nach dem Warum, der Trost gibt und tragen kann, durch Verzweiflung und Leid hindurch.