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8. Dezember 2011
Reden, Energie und Umwelt

Nachhaltigkeit: die ethisch-moralische Dimension

Rede im Eröffnungsplenum des Kongresses "RIO +20 - NACHHALTIG VOR ORT" am 08. Dezember 2011 in Hannover

(Es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Weil,
sehr geehrter Herr Bundesminister a. D. Töpfer,
sehr geehrte Frau Shiva,
sehr geehrte Frau Sollbach,
meine Damen und Herren – liebe Gäste,

herzlichen Dank für die Einladung und für die Möglichkeit, hier und heute zu Ihnen zu sprechen und mit Ihnen ins Gespräch zu kommen.
„Nachhaltigkeit“ ist ein Begriff, der unseren Sprachalltag in verschiedenster Weise durchdrungen hat. Sie kennen das. Es gibt „nachhaltige Geldanlagen“, wobei unklar ist, ob hiermit die Investition in ein ökologisch vorteilhaftes oder nur in ein wertstabiles Portfolio gemeint ist. Es gibt nachhaltigen Tourismus, da hoffen wir, dass ein solcher gemeint ist, der tatsächlich schonend mit Natur und Ressourcen umgeht und man nicht versucht zu garantieren, dass man sich auch bestimmt langanhaltend erholt. So wie das Shampoo, das damit beworben wird,  „für eine nachhaltige Sofort-Wirkung [sic] gegen starke Schuppen“ gut zu sein. Und laut dem FIFA-Präsidenten wird die Fußballweltmeisterschaft 2012 eine „nachhaltige Wirkung für Südafrika“ haben – in welcher Form auch immer. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ scheint das Gefühl zu vermitteln, er stehe für sich, ohne dass man seine genaue Bedeutung hinterfragt. Irgendwie ist es was Gutes. Zum alljährlich von der Gesellschaft für Deutsche Sprache gekürten „Wort des Jahres“ hat es „Nachhaltigkeit“ übrigens trotz dieser vielfältigen Verwendung noch nie geschafft – diese Ehre wird dann doch eindeutigeren Begriffen wie „Finanzkrise“, „Abwrackprämie“ oder „Wutbürger“ zuteil. Oder nehmen sie das jugendsprachliche Wort des Jahres, das trotz Rio-Kongress nicht „Nachhaltigkeit“, sondern „swag“ heißt und eine lässig-coole Ausstrahlung beschreibt. Auf Platz 3 hat es bekanntlich „Guttenbergen“ für Abschreiben gebracht.  (Die gute Nachricht ist: Unwort des Jahres war „Nachhaltigkeit“ auch noch nie – im Gegensatz zu beispielsweise „Herdprämie“ oder „Entlassungsproduktivität“.)
Nun ist es eine relativ schwierige Aufgabe, über die ethisch-moralische Dimension eines Begriffes nachzudenken, der gefühltermaßen irgendwie positiv aufgeladen zu sein scheint, aber bei genauerer Betrachtung doch einige Fragen hinsichtlich seiner genauen Bedeutung aufwirft. Daher möchte ich mich mit Ihnen an  Annäherungen an den Begriff versuchen. Diese geben uns hoffentlich Hinweise darauf, wie wir Nachhaltigkeit verstehen können und müssen und welche ethisch-moralische Dimension oder gar Dimensionen dahinter stehen (können).
Viel Arbeit gemacht hat sich der Publizist Ulrich Grober. In seinem im vergangenen Jahr erschienenen Buch „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit – Kulturgeschichte eines Begriffes“ nimmt er sich  immerhin knapp 300 Seiten Raum für die Untersuchung der Herkunft des Wortes „Nachhaltigkeit“. Ich will es kürzer versuchen, komme aber ohne einige Verweise auf seine Recherchen nicht aus.
Grober erzählt von einer Frau, die schon sehr früh Nachhaltigkeit zum Prinzip des Wirtschaftens erhoben hat: Eine „neue und nachhaltige Forsteinrichtung“ befiehlt die damals dreiundzwanzigjährige Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach im Jahr 1760. Sie beruft sich damit in ihrer Forstreform auf den Grundsatz der Nachhaltigkeit, der so zu einem Prinzip staatlichen Handelns wird. Und sie lässt in der Folge drei Jahre lang die durch Glasmanufakturen und Kriege in Mitleidenschaft gezogenen thüringischen Wälder kartografieren. Ziel ist die Berechnung der jährlichen Holzeinschläge, um eine Übernutzung zu vermeiden. Schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts wird hier die Erneuerung der Ressource Holz als Grundlage für deren Nutzung verwendet – und nicht der Bedarf, ohne zu schauen, was denn nachwächst. Trotz dieser jungen Frau aus Thüringen, die sich um die Anwendung des Nachhaltigkeits-Prinzips auf ihre kostbarste Ressource, den Wald, verdient gemacht hat, ist Nachhaltigkeit genau das dann auch recht lange geblieben: ein Fachbegriff der Forstwirtschaft. Über 200 Jahre später taucht er wieder auf, im Bericht der Brundtland-Kommission der Vereinten Nationen. Dort  heißt es: „Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generationen befriedigt, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“
In einem noch etwas älteren Bestseller, in der Bibel, im Buch Genesis heißt es:
„Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch Untertan“ (Gen 1, 27). Sich die Erde Untertan machen – das heißt keineswegs – und wir wissen es längst: sich nehmen, was man braucht, ausbeuten, wo es nur geht, ohne Rücksicht auf Verluste und nur auf die Mehrung der eigenen Lebenschancen bedacht, ohne den Gedanken an morgen oder an zukünftige Generationen. Es ist vielmehr eine Verantwortung, die da der Menschheit übertragen wird: Uns ist die Erde vielmehr anvertraut, als Lebensraum und zur gedeihlichen Nutzung überlassen. Sie zu bewahren ist ein Wert an sich, und Nachhaltigkeit, recht verstanden somit zentraler Grundzug alttestamentlicher Theologie. Verantwortung im doppelten Sinne: Für Gottes Schöpfung auf der einen und um das Leben aller Menschen in Würde und Gerechtigkeit auf der anderen Seite.
Ein Tag, der zeigt, dass unsere Art zu Wirtschaften und zu Konsumieren weder mit dem aus der Forstwirtschaft stammenden Nachhaltigkeitsprinzip noch mit dem Bewahrungsauftrag aus dem ersten Buch Genesis in Einklang ist, ist der so genannte „Earth Overshoot Day“. Einige von ihnen kennen diesen Berechnungs-Tag vermutlich bereits und wissen, was sich dahinter verbirgt. Der „Earth Overshoot Day“ ist ausdrücklich kein Feiertag. Er beschreibt den Tag, an dem wir die Ressourcen, die die Erde in einem Jahr produzieren kann, aufgebraucht haben. Dieses Jahr war der weltweite Earth Overshoot Day am 27. September. Vor gut zwanzig Jahren, im Jahr 1990 war er noch am 7. Dezember. Wir verbrauchen also unter globalen Gerechtigkeitsmaßstäben und nach dem Maßstab der Nachhaltigkeit mehr als wir dürfen, mehr, als uns zusteht. Wir verbrauchen 135 Prozent von dem, was an natürlichen Ressourcen generiert oder regeneriert werden kann. A propos global: Berechnet man den Tag für die einzelnen Länder, dann wäre der deutsche „Earth Overshoot Day“ bereits am 23. Mai gewesen, in den USA sogar schon am 1. April, in Afrika aber knapp fünf Monate später als bei uns.… Daraus ergibt sich ein moralisches Dilemma. Wir wollen unser Produzieren und Konsumieren, unser Wirtschaftssystem und unseren Lebensstil ja ungern grundsätzlich ändern, zumindest auf vieles liebgewonnene nicht verzichten. Wir wollen im Prinzip natürlich auch nicht, dass es anderen deshalb schlecht geht – sei es der Nachbar, seien es Menschen auf der anderen Seite der Weltkugel.
Dieses Dilemma ist seit langem bekannt. Seit den 1970er Jahren und dem Bericht des „Club of Rome“ zur Lage der Menschheit sind uns die „Grenzen des Wachstums“ zumindest bekannt, wenn auch nicht immer bewusst. In Zeiten der Wirtschaftskrise, der Finanzkrise und der Klimakrise wird jedoch das Unbehagen größer. Es mehren sich Zweifel an der grenzenlosen Machbarkeit und Logik des „Höher, schneller, weiter“. Das Heilsversprechen des immerwährenden Wachstums ist auf einmal brüchig. Der religiöse Terminus für diesen Zweifel wäre wohl der Begriff der „Demut“. Die ist zwar notwendig, wenn es darum geht, innezuhalten und in Frage zu stellen. Den Kopf gesenkt zu halten hilft aber nicht, wenn man – wie sie und ich heute hier – geradeaus in die Zukunft schauen möchten. Das Innehalten, die Unterbrechung, ist dennoch notwendig. Denn die Frage der Maßstäbe treibt viele um, muss uns umtreiben, sonst werden wir wohl getrieben. Es bestehen angesichts der aktuellen Situation der berechtigte Verdacht, die Intuition und das Wissen, dass eine Gesellschaft, die sich allein am Kriterium „Wachstum“ orientiert, eine Gesellschaft mit einem sehr engen Blickwinkel auf die Welt ist, und vor allem auf die Menschen, die in ihr leben. Denn andere Maßstäbe, wie zum Beispiel der Grundsatz der Nachhaltigkeit, aber auch Bildung oder soziale Beziehungen, Gesundheit oder Lebenszufriedenheit, geraten aus dem Sichtfeld. Zwei Drittel der Deutschen zweifeln daran, dass ihre Lebensqualität automatisch steigt, wenn die Wirtschaft wächst. Wir müssen konstatieren: Der Maßstab des Wirtschaftswachstums anhand des BIP sagt überhaupt nichts darüber aus, wie lebenswert eine Gesellschaft ist. Er sagt nichts darüber, wie solidarisch sie ist, was für Kulturgüter sie hervorbringt, wie Menschen in ihr miteinander umgehen, wie ressourcenleicht oder ressourcenintensiv, wie nachhaltig sie wirtschaftet. Der Maßstab BIP sagt uns noch nicht einmal, welchen Gewinn diese Gesellschaft erwirtschaftet, er beschreibt lediglich den ökonomischen Wert der erzeugten Güter und Dienstleistungen. Nach diesem Maßstab ist es ungleich schlechter, wenn sie zwei nette Menschen zu sich nach Hause zu einer guten Flasche Wein einladen, als wenn sie sich alleine am Kiosk mit einem Fusel mit hoher Gewinnmarge betrinken und auf dem Heimweg dann noch ihr Auto zu Schrott fahren. Reparatur oder Neuanschaffung wären ja wachstumsmäßig ein echter Gewinn (von den Gesundheitskosten des Schleudertraumas ganz zu schweigen). Wer allein auf quantitatives Wachstum setzt, der gerät schnell bis zwangsläufig in den Konflikt mit der Definition von Nachhaltigkeit, von der ich eben gesprochen habe. Zugleich allerdings kommt man in Konflikt mit dem berühmten gesunden Menschenverstand und mit neuer ökonomischer Vernunft.

Meine Damen und Herren,
sie merken, andere Maßstäbe, ein so genanntes „Gutes Leben“ zu definieren, dass ist nicht nur eine philosophische Aufgabe oder eine ethische Fragestellung. Es ist vielmehr zugleich eine wissenschaftliche Herausforderung von hoher Komplexität. Die Grüne Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein hat im Sommer dieses Jahres ein von ihr in Auftrag gegebenes Gutachten präsentiert, das Wohlstand und Wachstum in Schleswig-Holstein in Form eines regionalen Wohlfahrtsindexes misst und bewertet. Das Ergebnis ist überraschend. Kurz gefasst lautet es: In einem nach herkömmlichen Maßstäben als „strukturschwach“ etikettierten Bundesland mit einem vergleichsweise geringem Wirtschaftswachstum leben überdurchschnittlich glückliche Menschen. Einem Wirtschaftswachstum von nur 0,2 Prozent im Vergleichsjahr 2008 steht ein Zuwachs von 9,4 Prozent beim so genannten Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI) gegenüber. Wer genau wissen möchte, wie die Forschungsstelle der Evangelischen Studiengemeinschaft und das Forschungszentrum für Umweltpolitik der FU Berlin und das Institut für ökologische Wirtschaft gerechnet haben, der kann sich die Studie frei zugänglich im Internet herunterladen. Sie bestätigt unter anderem die Beobachtung des Sozialpsychologen Harald Welzer, dass die gesellschaftlichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte auf Bildung, Gesundheit und Kommunikation zurückgehen, nicht auf wirtschaftliches Wachstum an sich. Auch der deutsche Bundestag hat eine Enquete-Kommission mit Namen „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt“ eingesetzt, die über einen neuen, alternativen Indikator zum Bruttoinlandsprodukt nachdenkt.
Ein Beispiel, dass die Thematik von der Länderebene auf die kommunale und bis in den eigenen Einkaufskorb transportiert: In der Dezember-Ausgabe des „Harvard Business Manager“ findet sich ein Artikel, in dem zwei Firmenchefs und ein Wirtschaftsberater über einen so genannten „Value Chain Index“, einen Wertschöpfungsketten-Index nachdenken. Was wäre, wenn externalisierte, „vergesellschaftete“ Kosten, zum Beispiel Umweltverschmutzung oder Flächenverbrauch, viel besser erfasst, berechnet und zugeordnet werden könnten? Die drei Autoren drehen den Spieß um: Welchen Wert haben die Ressourcen, die uns die Natur vermeintlich „umsonst“, weil erneuerbar, zur Verfügung stellt. Was würde es kosten, wenn man für deren Nutzung vollumfänglich bezahlen müsste? Und was wäre, wenn man diese Kosten in die Produktion von Gütern mit einbeziehen würde oder gar müsste? Und dann das günstigste Produkt das wäre, dessen soziale und ökologische Kosten am geringsten wären? Schnäppchenjäger retten die Welt? Zugegeben, bis dahin ist es noch ein langer Weg. Aber, Nachhaltigkeit bedeutet auch, keine Kosten zu verstecken. Zu verstecken, indem sie auf andere oder auf die Allgemeinheit oder gar auf zukünftige Generationen umgelegt werden, auch wenn das auf den ersten Blick finanzpolitisch nachhaltig, also sparsam erscheint.

Meine Damen und Herren,
von Ulrich Grobers Kulturgeschichte der Nachhaltigkeit und Anna Amalias Forstwirtschaft über die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments, an die Küste nach Schleswig-Holstein und zurück zur aktuellen Ausgabe des Harvard Business Manager sind sie mir hoffentlich gefolgt, und müssen nun gemeinsam mit mir feststellen: Wir haben noch ein langes und vielleicht auch bisweilen steiniges Stück Weg vor uns bis zu einer nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise.
Festhalten können wir aber: Nachhaltigkeit heißt nicht mehr und nicht weniger, als nicht über unsere Verhältnisse zu leben. Es handelt sich also eine Art von Selbstbeschränkung, samt der Frage, welches Wachstum und welches Wirtschaften damit einhergehen muss. Schon die Eingangs erwähnte Herzogin Anna Amalia verband mit ihrer Vorstellung eines „Musenhofes“, an dem die schönen Künste gepflegt werden, die Idee, Ressourcenknappheit produktiv zu nutzen und „aus einem Minimum an Quantität ein Maximum an Qualität zu erzeugen“ (Grober 2010, S. 122). „Reduce to the max“ heißt konsequenterweise denn auch der Slogan für ein sehr kleines Auto, welches sich allerdings bei den ökologischen Kriterien gut noch verbessern könnte. Zweitens steckt hinter der Frage nach der ethischen Dimension von Nachhaltigkeit auch immer die Idee eines „guten Lebens“ für alle Menschen. Die Frage der Verteilung knapper werdender Güter steht ganz oben auf der Agenda, wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen. Regional, national, global. Unser Fleischkonsum zerstört Lebensräume am anderen Ende der Welt. Das zwanzigste T-Shirt für 5 Euro im Schrank zerstört nicht nur Natur, sondern ist mindestens auch ein Angriff auf soziale Gerechtigkeit. Um der ethisch-moralischen Dimension von Nachhaltigkeit in unserem täglichen Handeln gerecht werden zu können, benötigen wir neben unserem Gewissen auch eine große Menge an Informationen, an Transparenz.  Vor allem aber brauchen wir den Willen, auf das große Ganze zu schauen und gleichzeitig im Kleinen, vor Ort, zu beginnen. Viele gute Projekte für die Arbeit vor Ort werden sie im Rahmen dieses Kongresses kennenlernen, und das schönste ist: Im Gegensatz zu einer Doktorarbeit dürfen Sie hier voneinander abschreiben, sie sollen sogar.
Am allermeisten aber brauchen wir den Mut, die eine oder andere unkonventionelle Idee zu denken und dann auch auszusprechen. Wie zum Beispiel die, dass Wachstum nicht alles ist, und dass eine Ökonomie des Genug eine nachhaltige Strategie für ein gutes Leben für mehr Menschen sein könnte.

Herzlichen Dank!