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23. September 2011
Aktuelles, Reden

Rede beim ökumenischen Gottesdienst mit dem Papst in Erfurt

Begrüßung und Geistliches Wort von Frau Präses Katrin Göring-Eckardt im Rahmen der Ökumenischen Feier in der Augustinerkirche in Erfurt am 23.09.2011

--- ES GILT DAS GESPROCHENE WORT ---

 

Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja mit meinem Geist suche ich dich am Morgen. (Jesaja 26,9)

Mit diesem Jesajawort, das die Herrnhuter Brüdergemeine für diesen Tag gelost hat, grüße ich Sie, grüße ich Euch, liebe Schwestern und Brüder, zu unserem Gottesdienst. Ich grüße von Herzen unseren Bruder in Christus, Papst Benedikt XVI. Wir sind dankbar, dass Sie mit uns beten, singen und auf Gottes Wort hören wollen und predigen. Ich grüße unseren Bruder Nikolaus Schneider, den Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland; Sie beide leiten diesen Gottesdienst gemeinsam!

Sehr froh bin ich, dass Sie, Herr Bundespräsident unter uns sind. Sie leben die Verbundenheit der Konfessionen in der Familie mit allen Freuden und Beschwernissen. Gute Besserung an ihre Frau, ich weiß, sie hätte gerne mit uns Gottesdienst gefeiert. Wie schön, dass Sie als evangelische und römisch-katholische Christinnen und Christen diesen Gottesdienst feiern. Ein herzliches Willkommen den Schülerinnen und Schülern von katholischer Edith-Stein-Schule und evangelischem Ratsgymnasium hier aus Erfurt. Sie bringen die Zukunft unserer Kirchen in unsere Runde. Ich hoffe, ihr singt laut mit! Mit uns beten und singen Christenmenschen hier im Augustinerkloster, draußen in der Stadt und zu Hause an den Fernsehgeräten. Wir alle sind Gemeinde Gottes.

„Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja mit meinem Geist suche ich dich am Morgen.“

Unser ökumenischer Gottesdienst hier ist ein großes und sehr öffentliches Ereignis. Er ist aber trotz der Scheinwerfer keine Show. Er dient nämlich etwas Anderem, etwas viel Größerem. Obgleich uns manches trennt, das Wichtigste verbindet uns: die Sehnsucht nach Gott. Denn unsere Heimat ist der Himmel. Es ist Gottes Licht, das in der Niedrigkeit scheint, im Stall von Bethlehem, das Licht, das von Kreuz und Auferstehung ausgeht.

So will ich auch die Neugierigen begrüßen, die, die uns zuschauen, vielleicht sogar mit Skepsis; die, die wenig von Gott erhoffen, die ihn kaum noch kennen und gar nicht glauben können. Seien Sie versichert, auch christliche Hoffnung ist nicht immer groß und unsere Fragen sind mitunter drängender, als der Glaube fest ist. Aber hören Sie vor allem, dass Sie willkommen sind. Fröhliche Christenmenschen nämlich wollen gar nicht unter sich bleiben.

„Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja mit meinem Geist suche ich dich am Morgen.“

Nachts, wenn die Schatten länger werden, sehnen wir uns – in tobender Unruhe, in der Verwirrtheit, in der Ungewissheit – nach Gott. Und es ist Nacht in der Welt: Menschen werden heimatlos: heimatlos auf der Flucht vor Hunger, vor Krieg, vor Umweltzerstörung; heimatlos auch durch Gewalt an Körper und Seele, heimatlos in Enge und in Verzweiflung. Morgens, wenn der Tag noch voller Möglichkeiten ist, suchen wir Gott an den Kreuzwegen und Weggabelungen, wenn wir entscheiden müssen, was richtig ist und gut und dauerhaft. Wie wir leben – ohne Zerstörung, wen wir lieben – ohne Verletzung; was wir tun – ohne Anmaßung. Immer wieder wollen und sollen wir wählen. Und doch wollen wir vor allem eines: Heimat finden, angenommen sein und den Ort kennen, an dem wir bleiben können.

Beheimatet in Gottes Trost, geborgen in seiner Liebe, werden Menschen frei und unverzagt. Oder wie Sie, lieber Bruder Papst Benedikt, es formuliert haben: „ER will, dass zwischen ihm und uns das Geheimnis der Liebe entstehe, das Freiheit voraussetzt.“

Der Mönch Martin Luther ist hier in diesen Mauern der Augustinerkirche zu Erfurt eingekehrt bei Gott und hat diese Liebe gesucht. Und er ist aufgebrochen, hinter sich zu lassen: Macht ohne Liebe, Glaube ohne Freiheit, Angst ohne Ausweg. Aufgebrochen, hin zu einer Freiheit, die in Gott ihre Wurzeln und in der Welt ihren Ort findet, immer wieder, durch die Jahrhunderte hindurch, bis in die jüngere Geschichte, bis heute.

Luthers Satz: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“

war auch für Christinnen und Christen in der DDR ein kämpferisches, ein stärkendes Wort. Ja, wir konnten getrost wissen, dass Gott größer ist, größer als die kleinbürgerliche SED sowieso, größer als die martialische Stasi aber eben auch. Und gewiss größer als das ganze heuchlerische, unterdrückerische System, das die Menschen klein und den Glauben unsichtbar machen wollte. Aus dieser Geschichte haben wir erneut gelernt: Wenn man Mauern zu lange bewacht, Mauern aus Stein und Mauern aus Schweigen, dann brechen sie von innen auf: weil die Menschen von der Freiheit wissen.

„Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja mit meinem Geist suche ich dich am Morgen.“

Viele Menschen suchen nach Gott mit ihrem Geist, morgens und abends, allein oder gemeinsam; und Gott sieht alle, uns alle an, mit der gleichen und nur ihm eigenen großen Liebe: ob wir nun alt sind oder jung, Mann oder Frau, so oder anders gläubig, heiter oder bedrückt, egal, wen wir lieben und mit wem wir das Leben teilen. Denn „in meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“, heißt es im Johannesevangelium (14, 2), und dieses Haus, in dem wir wohnen, in das wir kommen können, egal wie wir heißen oder sind, hat auch immer noch Zimmer frei für die, die suchen und bei uns Heimat finden. Wir haben ein Fundament: das Wort Gottes, und wir haben einen gemeinsamen Grund, die Heilige Taufe. Und, ja, zum richtigen Zeitpunkt werden wir am hellsten und besten Ort des Hauses gemeinsam und füreinander den Tisch decken, an den ER uns einlädt, von dem wir gemeinsam essen und trinken, was Jesus an seinem letzten Abend teilte. Nicht, weil wir es müssen, sondern weil wir es können und weil wir es wollen.

Ich bin Ihnen, lieber Bruder Papst Benedikt, dankbar, dass Sie Station machen hier mit uns, auf dem Weg, den Gott uns schenkt, denn auch die Ökumene ist zuallererst Gottes Geschenk an uns. 

„Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts und mit meinem Geist suche ich dich am Morgen“, heißt es bei Jesaja.

Dieser Freitagmittag in Erfurt ist kein gewöhnlicher. Wer jetzt auf uns schaut, soll das spüren. Nein, wir sind nicht besser, größer, reicher als andere, noch nicht einmal alle zusammen. Und ja, wir machen Fehler und denken kurzfristig und egoistisch. Dietrich Bonhoeffer hat aber richtig erkannt: "Ich glaube, daß auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten."

Wer auf uns schaut, soll spüren, dass wir in allem wissen von Gottes Liebe, die uns nicht drängt sondern trägt, die sich manchmal verbirgt und dann wieder leuchtet mit aller Kraft.

Dass wir diese Liebe kennen, in ihr leben, bei ihr bleiben, dass wir in ihr Heimat finden können und leben im Hause des Vaters, gemeinsam als die eine Gemeinde Jesu Christi, das ist es, was die Suche unseres Geistes ausfüllt und das Verlangen unserer Herzen zur Erfüllung bringt.

Gott segne unser Hören und Reden, unser Singen und Sagen, unser Aufbrechen und Ankommen.

Lasst uns aufstehen, vor Gott treten und beten.