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Sichtungen und Einblicke
Sehr geehrte Damen und Herren,
es kommt nicht oft vor, dass ich als Rednerin zur Eröffnung einer Kunstausstellung eingeladen werde. Normalerweise ist dies ja eine Aufgabe für eine Kunsthistorikerin oder Sachverständige. Ich liebe Kunst, bin aber Beides nicht, sondern Politikerin und Kirchenfrau. Und als solche steht mir das Thema dieser Ausstellung in vielerlei Hinsicht sehr nahe, und ich freue mich, heute und zu diesem Anlass ein paar Worte sagen zu dürfen:
Bauernkrieg und Reformation – was für ein gewaltiges Thema! Zwei so tiefgreifende Ereignisse, die über Jahrhunderte hinweg politisch und kulturell so unterschiedlich rezipiert wurden, in eine Ausstellung zu bringen, das ist eine Riesenherausforderung, stehen beide Ereignisse doch in engem Zusammenhang, und haben doch damals schon zu tiefen Kontroversen geführt. Diese Stadt, Mühlhausen, ist mit dieser Kontroverse eng verbunden. Als Wirkungsstätte des Reformators und Luther-Anhängers Thomas Müntzer ist sie der ideale Ort, um die Verbindung zwischen zwei auf den ersten Blick doch recht unterschiedlichen Themen, der Reformationsbewegung und den Bauernkriegen, anschaulich werden zu lassen. Müntzer, der hier Pfarrer in der Marienkirche war, war ein klarer Befürworter der Bauernaufstände, in denen er den notwendigen, gottgefälligen Kampf für eine gerechtere Gesellschaftsordnung sah. Er leitete dies auch aus den Bestrebungen der Reformationsbewegung her, denen er sich selbst vor allem auch durch sein – heute würde man sagen: soziales – Engagement in der hiesigen Gemeinde verpflichtet fühlte.
Sein Eintreten für die Bestrebungen der Bauern, für die Abschaffung von Privilegien der Adeligen, sein Versuch, verschiedene sogenannte „Thüringische Bauernhaufen“ zu vereinigen, bezahlte er mit Folter und Tod im Jahr 1525. Da war er gerade 36 Jahre alt.
Sein Vorbild Martin Luther hingegen hatte In dieser Sache keine so klare Haltung. Nach der berühmten Weinsberger Bluttat, bei der die Aufständischen nach Eroberung der Stadt ein Blutbad unter den Adligen und ihren Söldnern anrichteten, bezog er sogar klar Stellung gegen die Bauernaufstände und veröffentlichte das Pamphlet Wider die mörderischen Rotten der Bauern, mit der er ein hartes Durchgreifen gegen die Aufständischen forderte.
Meine Damen und Herren, ich will hier nicht tiefer in die Geschichte eindringen, das hiesige Bauernkriegsmuseum kann die weiteren Entwicklungen viel besser veranschaulichen – ein Besuch lohnt sich immer! Mir geht es vielmehr darum zu zeigen, dass die Frage der Interpretation der Bauernkriege historisch bereits einsetzte, als diese selbst noch tobten. Nun ist Geschichte immer auch Interpretation, und diese Interpretationen sind wiederum nicht selten politisch. Und genau darum geht es ja auch in dieser Ausstellung: Um die Frage, wie Bauernkriege und Reformation im geteilten Deutschland jeweils wahrgenommen wurden. Künstlerisch und politisch.
Beide Phänomene waren eng miteinander Verbunden, wobei die Gedanken der Reformation einen wichtigen Hintergrund für die Forderungen der Bauern darstellen. Vielleicht könnte man etwas flapsig sagen: Der sagenumwobene Thesenanschlag von Wittenberg war die erste Demo in Deutschland, Martin Luther der erste Demonstrant und die Reformation die erste soziale Bewegung von unten. Zumindest war Luthers Aktion eine, die auf radikale Öffentlichkeit und auf Transparenz abzielte. Luther hat seine Thesen und Forderungen nicht im Verborgenen weitergegeben, sondern für alle öffentlich sichtbar gemacht im Wissen um die ungeheure Provokation, die damit verbunden war. Vor allen inhaltlichen Forderungen war dies eine Art Urszene für die Entwicklung der Zivilgesellschaft in Deutschland und Europa in den darauf folgenden Jahrhunderten.
Luthers Thesen und seine Schriften waren mutig. Weil sie sich einer blinden Autoritätsgläubigkeit widersetzten und Kritik und Zweifel an der kirchlichen Gehorsamskultur vorbrachten. Gegen die Allmacht und Habsucht des Klerus brachten Luthers kritische Überlegungen etwas vollkommen Neues, ja Unerhörtes in die Welt: die Mündigkeit des Einzelnen, die Freiheit des Gewissens. Luther war damit ein Vorbereiter der modernen Gewissensfreiheit - wir alle kennen seinen berühmten Satz, in dem dies zum Ausdruck kommt: "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“
Luther berief sich nicht auf Obrigkeiten und klerikale Machthaber, sondern einzig auf sich und seine innere – ihm durch Gott allein und direkt gegebene – Freiheit, auf die Bibel, auf das Wort, nicht die Interpretation. Und diese Gedanken fielen bei den Bauern auf fruchtbaren Boden. Rechte stehen jedem Menschen zu, direkt, nicht erst vermittelt durch die Kirche oder gewährt vom Adel. Das war der Grundgedanke des Aufstandes.
Die deutsche Sprache wurde von den Reformatoren dabei als Bedingung der Möglichkeit von religiöser und gesellschaftlicher Teilhabe angesehen. Mit der Übersetzung der Bibel ins Deutsche gab Luther den sogenannten „kleinen Leuten“ Teilhabe- und Partizipationsinstrumente in die Hand. Mit der Schrift in der Hand ließen sich der Alleinvertretungsanspruch des Klerus in Frage stellen. Die Reformation gehört deshalb ganz zentral zur Vorgeschichte der deutschen Demokratie. Durch das lutherische Schriftprinzip konnten die Gläubigen Kritik und Zweifel erlernen, mündig werden, und auch Unrecht erkennen und aufbegehren. Heute würde man sagen: sie konnten zu Dissidenten werden. Eben nach dem Motto "Hier stehen wir. Wir können nicht anders“.
Bei dieser Sichtweise liegen die Möglichkeit zur Demokratie und die Möglichkeit zur Rebellion sehr dicht beieinander. Entsprechend war – ich erlaube mir in der Kürze der Zeit, hier ein paar Jahrhunderte der früheren Rezeptionsgeschichte zu überspringen – in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in Deutschland die Rezeption dieser früheren Ereignisse und Entwicklungen im real existierenden Sozialismus zunächst deutlich anders als im demokratischen Westdeutschland.
Einig waren sich die Historiker in beiden Staaten über die Bedeutung von Reformation und Bauernkrieg als ein Kristallisationspunkt für eine neue Identitätsfindung Deutschlands nach den grauenhaften Ereignissen der Nazizeit und dem damit verbundenen totalen moralischen Bankrott. Doch die Einordnung, eben die Interpretation unterschied sich erheblich. So wurden in der DDR aus dem Bauernkrieg eine revolutionäre Tradition kreiert, die ihren Höhe- und Zielpunkt in der sozialistischen Gesellschaftsordnung fand. Diese Perspektive wurde früh vom SED-Regime gefordert und gefördert, viele Historiker, aber eben auch Künstler sorgten dafür, dass sich diese Interpretation als ein „Gründungsmythos“ der DDR durchsetzen konnte. Dazu gehört auch die Heroisierung Thomas Müntzers, dessen Portrait es bis auf den 5-Ostmarkschein schaffte.
Martin Luther dagegen spielte überhaupt erst ab 1983 im Vorfeld seines 500. Geburtstages eine positivere Rolle in der politischen Geschichtsinterpretation der DDR. Seine Ideen und die Reformation hätten immerhin dazu beigetragen, Bildung möglich zu machen und dadurch die Bauern zu informieren, was eine Voraussetzung für die Aufstände gegen die damalige Obrigkeit war, so der neue, mildere offizielle Tenor, der von Honecker persönlich abgesegnet war. Dennoch: Auch hier werden Reformation und die Person Martin Luther auf den Bauernkrieg bezogen, nicht andersherum. In einem Text des Historikers Gerhard Brendler, ebenfalls von 1983, hieß es nun, Luther „löste durch seinen Kampf gegen das ‚internationale Zentrum des Feudalismus‘ (Friedrich Engels) die Reformation aus. Darin liegt sein bleibendes historisches Verdienst. Die Reformation wurde wesentlicher Bestandteil der beginnenden Revolution.“ Luther als Revolutionär? Ja, das war er, aber in einem ganz anderen Sinne. Die Bauernaufstände verurteilte er scharf, wie eingangs schon erwähnt.
Die Deutung von Reformation und Bauernkrieg in Westdeutschland ist unübersichtlicher. Interessant ist, dass sich diese Ausstellung auf den Zeitraum seit 1970 konzentriert, da zu dieser Zeit auch im Westen Reformation und Bauernkriege in einem neuen historischen Kontext gesehen wurden und als Vorbild für die im Zuge der Bürger- und Studentenbewegung nach 1968 zunehmende Gesellschafts- und Systemkritik herangezogen wurde. Daraus konnte und wurde zweierlei interpretiert: Entweder dienten die historischen Ereignisse und Entwicklungen als Begründung für die Forderung nach mehr Demokratie, oder aber als Aufruf zur Revolution, wie z.B. bei dem kommunistischen Liedermacher Franz Josef Degenhardt in seinem Lied Ballade von Joß Fritz von 1973, das auf den gleichnamigen Bauernführer anspielt.
So unterschiedlich die politischen und gesellschaftlichen Interpretationen von Bauernkrieg und Reformation, man könnte auch sagen: von Müntzer und Luther in den beiden deutschen Staaten waren, so auch ihre Rolle für und in der Kunst. In der DDR häufig staatlich gefördert mit dem bei weitem nicht immer erreichtem Ziel, die sozialistische Sichtweise auch künstlerisch und ikonografisch zu vermitteln, also eine systemstabilisierende Funktion zu übernehmen. Im Westen dienten diese Themen, diese Mythen eher als Vehikel für Kritik und Protest gegen die bestehende Gesellschaft und ihre Ungerechtigkeiten, weniger im sozialen, eher im demokratischen Sinne. Wie sich dies in der Kunst in beiden Teilen Deutschlands widerspiegelte, das wird uns diese Ausstellung, die erste dieser Art, endlich vor Augen führen, und sie wird uns dazu bringen, wieder und wieder neu über diese Geschichte, über unsere Geschichte nachzudenken und aus ihr zu lernen.
Lassen Sie mich zum Schluss noch einen persönlichen Gedanken äußern: Der Geist der Reformation drängt zur Freiheit – nicht umsonst war die Verbindung zwischen der DDR-Bürgerrechtsbewegung und der protestantischen Kirche so eng. Und so ist es vor dem Hintergrund des eben Gesagten eine Ironie der Geschichte, dass das Jahr 1989 nicht, wie von der SED-Führung geplant, als DDR-Jubiläumsjahr und als Müntzer-Jahr in die Geschichte einging, sondern als das Jahr der friedlichen Revolution. Nicht blutig wie im Bauernkrieg, sondern friedlich haben wir uns damals erhoben, aber auch ganz im Sinne Luthers und Müntzers gegen Unterdrückung und Unfreiheit. Der Mythos, mit dem die SED-Führung ursprünglich die DDR historisch eigentlich rechtfertigen wollte, gab uns Mut und half dabei, das SED-Regime und damit die DDR zu überwinden. Geschichte lebt, und Geschichte wirkt. Nähern wir uns also hier und heute der Geschichte und erleben, wie sie durch die Augen verschiedenster Künstlerinnen und Künstlern aus zwei verschiedenen Systemen gesehen wurde. Und vielleicht lassen wir uns ein wenig berühren, nicht nur von den Werken, sondern auch von den Ereignissen und der Idee, die sich mit ihnen verbindet: Dem Wunsch und Streben nach Freiheit.
Vielen Dank!










