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17. Januar 2012
Aktuelles, Reden

Was wächst in der Krise?

Rede auf dem Grünen Neujahrsempfang in Fulda, 15. Januar 2012

Auf Einladung des Kreisverbands von Bündnis 90/Die Grünen war Katrin Göring-Eckardt am 15. Januar zum Neujahrsempfang der Kreisgrünen in Fulda zu Gast. Vor gut 100 Gästen sprach sie in der Caféteria des Antoniusheimes über die Frage "Was wächst in der Krise?".

(Es gilt das gesprochene Wort)

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Gäste,
herzlichen Dank für die Einladung zu Euch nach Fulda und für die Möglichkeit, hier und heute miteinander ins Gespräch zu kommen.

Gesprächsstoff gibt es wahrlich genug, besonders in einer krisenhaften Zeit, die jetzt schon eine ganze Weile andauert. In einer solchen Zeit, angesichts der Wirtschaftskrise, der Finanzkrise und der Klimakrise über Wachstum zu sprechen und zu fragen: „Was wächst in der Krise“, das könnte auf den ersten Blick durchaus ein wenig unverfroren klingen. Selbst die sonst so meinungsstarken Wirtschaftsforscher sind auffällig kleinlaut geworden und dazu übergegangen, eher vor weiteren Krisen oder dem Ende des deutschen Booms zu warnen, als positive Signale auszusenden. Aber wir GRÜNE waren und sind die Partei, die frühzeitig die richtigen Fragen stellt. Daher auch jetzt die Frage: Was wächst? Und: Was sollte eigentlich wachsen?

Das ewige Heilsversprechen des stetig steigenden Wohlstands durch stetiges Wirtschaftswachstum ist nicht erst mit der Krise ins Wanken geraten, und schon lange war absehbar, dass auch der weltweite Ressourcen- und Energieverbrauch so nicht weitergehen kann. Das kann man ausrechnen, dazu muss man keine Idealistin sein.

 Seit den 1970er Jahren und dem Bericht des „Club of Rome“ zur Lage der Menschheit sind uns die „Grenzen des Wachstums“ bekannt, wenn auch nicht immer bewusst. In Zeiten der dreifachen Krise, Wirtschaft, Finanzen und Klima, wird jedoch das Unbehagen größer. Es mehren sich Zweifel an der grenzenlosen Machbarkeit und Logik des „Höher, schneller, weiter“.

Bisher hat noch jede Generation ihren Kindern versprechen wollen, dass sie besser oder wenigstens genauso gut leben werden. Dieses Versprechen ist zumindest in seiner Schlichtheit heute unrealistisch, und es ist schwer, dass einzugestehen. Vielmehr müssen wir feststellen: Wir werden in Zukunft mit weniger auskommen müssen, auch wenn dieses weniger im globalen Maßstab immer noch sehr viel sein wird.

Was heißt das für die Zukunft? Wie gut wird es uns gehen? Ein „besseres Leben“ ist meiner Ansicht nach daher eben nicht einfach an Wirtschaftswachstum gebunden. Immer nur mehr (in der Tasche) zu haben, macht auf Dauer nicht glücklich. Dies hat – ganz aktuell – wieder einmal eine Studie des Roman-Herzog-Instituts dargestellt („Wie viel Familie verträgt die moderne Gesellschaft“, 2011, kostenlos über das Institut zu beziehen). Trotz wachsenden Wohlstands in Deutschland stagniert die Zufriedenheit der Menschen seit den 1990er Jahren - in Westdeutschland ist sie seit den 80ern sogar gesunken! Das gilt auch für andere untersuchte Länder wie die USA oder die Schweiz. Das ist einer von vielen Hinweisen darauf, dass Wachstum und Wohlbefinden nicht direkt zusammenhängen. Darum geht es mir.

Für das Wohlbefinden scheinen mir auch andere Dinge als wirtschaftlicher Erfolg eine Rolle zu spielen: Freizeit, Zeit zum Beispiel für Freunde und Hobbys, Teilhabe an Kultur und Genuss. Eine weitere Arbeitsverdichtung und Druck am Arbeitsplatz, welche oft mit Wachstumszwängen begründet werden, stehen dem oft entgegen. Und viele Menschen sind nicht mehr bereit, für noch mehr ökonomischen Erfolg diese Faktoren eines guten Lebens zu opfern.

Dies zu äußern hat nichts mit Fortschrittsfeindlichkeit zu tun, wie einige immer noch unterstellen, vor allem wenn es von uns GRÜNEN geäußert wird. Es geht mir nicht um „ausbleibendes Wachstum“, sondern zunächst um eine Diskussion über die Frage, inwieweit wirtschaftliches Wachstum die angeblich wichtigste Voraussetzung für ein gutes Leben und Fortschritt ist.

Menschen träumen vom Fortschritt. Fortschreiten, voranschreiten – das brauchen wir nicht nur, das wollen wir auch. Wir wollen uns weiterentwickeln, wir wollen weiterdenken und weiter Neues entdecken. Das ist Teil des "guten Lebens". Aber wenn wir weiterhin gut leben möchten, können wir meines Erachtens nicht weiterleben wie bisher. Fortschritt ist nicht mehr mit dem alten Wirtschaftswachstum gleichzusetzen.

Das heißt aber auch, dass wir uns schon heute fragen müssen: Was bedeutet das für die Gesellschaft? Wie werden wir das Wenige neu verteilen, wie werden wir künftig Energie verbrauchen, wohin entwickeln sich unsere Sozialsysteme, damit nicht nur wenige Profiteure sind?

Viele verbinden heute mit dem guten Leben neue moderne Technik - Handys, Computer, Unterhaltungselektronik oder schicke Autos. Ich bin nicht skeptisch hinsichtlich neuer, technischer Errungenschaften. Aber ich frage mich, ob zum Beispiel die Umstellung von Autos auf Elektromotoren schon ausreicht, um Mobilität zukunftsfähig zu machen? Wir sind in den letzten Jahrzehnten immer effizienter geworden, aber wir verbrauchen nicht weniger fossilen Treibstoff. Zwar ist der Durchschnittsverbrauch von PKW zwischen 1991 und heute von 9,2 auf ca. 7,5 Litern Treibstoff pro 100 km gesunken und damit der Verbrauch im Personenverkehr von 47,5 Mrd. Litern 1991 auf knapp 45 Mrd. Litern derzeit gesunken; gleichzeitig ist aber der Verbrauch im Güterstraßenverkehr im gleichen Zeitraum aber so stark gestiegen, dass wir einen Gesamtanstieg im Verbrauch von 62 auf fast 66 Mrd. Litern pro Jahr haben! Entsprechend ist auch der CO2-Ausstoß im Straßenverkehr trotz sparsamerer Motoren und häufigerer Geschwindigkeitsbegrenzungen auf den Straßen kaum gesunken, gerade mal von 150 Mio. auf 144 Mio. Tonnen.

Ähnlich ist es bei den Elektrogeräten. Wir haben zwar effizientere Kühlschränke, aber dafür nicht nur den einen, sondern noch einen im Partykeller oder in der Laube. Wir haben zwar energiesparende Flachbildschirme, dafür sind die meisten heute mindestens doppelt so groß wie die herkömmlichen Röhrengeräte und verbrauchen daher sogar mehr Strom. Davon ganz abgesehen, dass es so bequem ist, den Fernseher oder Computermonitor bei Nichtnutzung auf Stand-By zu lassen und nicht daran zu denken, wie viel Strom dadurch völlig unnötig verschwendet wird. Und brauchen wir wirklich jedes Jahr ein neues, effizienteres Smartphone? Effizienz allein löst die Probleme nicht.

Es kommt also darauf an, auf welche Definition vom guten Leben wir uns künftig einigen werden. Ist es wirklich nur das größere Einkommen? Oder nicht doch eher Lebensqualität, eine intakte Umwelt, sozialer Frieden und kulturelle Infrastruktur, Kommunikation und Beteiligung. Wir brauchen eine kluge solidarische Ökonomie des Genug, wenn wir es ernst meinen mit dem gesellschaftlichen Frieden.

Daraus ergibt sich ein moralisches Dilemma: Wir wollen unser Produzieren und Konsumieren, unser Wirtschaftssystem und unseren Lebensstil ja ungern grundsätzlich ändern, zumindest auf vieles liebgewonnene nicht verzichten. Wir wollen im Prinzip natürlich auch nicht, dass es anderen deshalb schlecht geht – sei es der Nachbar, seien es Menschen auf der anderen Seite der Weltkugel.

Es bestehen angesichts der aktuellen Situation der berechtigte Verdacht, die Intuition und das Wissen, dass eine Gesellschaft, die sich allein am Kriterium „Wachstum“ orientiert, eine Gesellschaft mit einem sehr engen Blickwinkel auf die Welt ist, und vor allem auf die Menschen, die in ihr leben. Denn andere Maßstäbe, wie zum Beispiel der Grundsatz der Nachhaltigkeit, aber auch Bildung oder soziale Beziehungen, Gesundheit oder Lebenszufriedenheit, geraten aus dem Sichtfeld.

Ein Tag, der zeigt, dass unsere Art zu Wirtschaften und zu Konsumieren nicht mit dem aus der Forstwirtschaft stammenden Nachhaltigkeitsprinzip in Einklang ist, ist der so genannte „Earth Overshoot Day“. Einige von ihnen kennen diesen Berechnungs-Tag vielleicht und wissen, was sich dahinter verbirgt. Der „Earth Overshoot Day“ ist ausdrücklich kein Feiertag. Er beschreibt den Tag im Jahr, an dem wir die Ressourcen, die die Erde in einem Jahr produzieren kann, aufgebraucht haben. Letztes Jahr war der weltweite Earth Overshoot Day am 27. September. Vor gut zwanzig Jahren, im Jahr 1990 war er noch am 7. Dezember. Wir verbrauchen also unter globalen Gerechtigkeitsmaßstäben und nach dem Maßstab der Nachhaltigkeit mehr als wir dürfen, mehr, als uns zusteht. Wir verbrauchen 135 Prozent von dem, was an natürlichen Ressourcen generiert oder regeneriert werden kann. A propos global: Berechnet man den Tag für die einzelnen Länder, dann wäre der deutsche „Earth Overshoot Day“ bereits am 23. Mai gewesen, in den USA sogar schon am 1. April, in Afrika aber erst knapp fünf Monate später als bei uns!

Wir müssen konstatieren: Der Maßstab des Wirtschaftswachstums anhand des Bruttoinlandproduktes sagt überhaupt nichts darüber aus, wie lebenswert oder zukunftsfähig eine Gesellschaft ist. Er sagt nichts darüber aus, wie solidarisch sie ist, was für Kulturgüter sie hervorbringt, wie Menschen in ihr miteinander umgehen, wie ressourcenleicht oder ressourcenintensiv, wie nachhaltig sie wirtschaftet. Der Maßstab Bruttoinlandsprodukt sagt uns noch nicht einmal, welchen Gewinn diese Gesellschaft erwirtschaftet, er beschreibt lediglich den ökonomischen Wert der erzeugten Güter und Dienstleistungen. Nach diesem Maßstab ist es ungleich schlechter, wenn sie zwei nette Menschen zu sich nach Hause zu einer guten Flasche Wein einladen, als wenn sie sich alleine am Kiosk mit einem Fusel mit hoher Gewinnmarge betrinken und auf dem Heimweg dann auch noch ihr Auto zu Schrott fahren. Reparatur oder Neuanschaffung wären ja wachstumsmäßig ein echter Gewinn (von den Gesundheitskosten des Schleudertraumas ganz zu schweigen). Wer allein auf quantitatives Wachstum setzt, der gerät schnell bis zwangsläufig in den Konflikt mit der Nachhaltigkeit. Vor allem aber gerät er in Konflikt mit dem berühmten gesunden Menschenverstand und mit neuer ökonomischer Vernunft.

Liebe Freundinnen und Freunde,

wir brauchen neue Maßstäbe, um ein so genanntes „Gutes Leben“ zu definieren, auch ganz individuell und für uns selbst. Das ist nicht nur eine philosophische Aufgabe oder eine ethische Fragestellung. Es ist vielmehr eine Notwendigkeit angesichts gescheiterter politischer und wirtschaftlicher Ansätze, die einseitig auf ewigem, grenzenlosen Wachstum basierten und sich damit als absolut nicht nachhaltig erwiesen haben. Doch wie könnten diese Maßstäbe aussehen?

Der deutsche Bundestag hat zum Beispiel eine Enquete-Kommission mit dem etwas sperrigen Namen „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt“ eingesetzt, die über einen neuen, alternativen Indikator zum Bruttoinlandsprodukt nachdenkt.

Spannend ist aber vor allem ein Gutachten, dass die Grüne Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein in Auftrag gegeben hatte und im Sommer letzten Jahres vorgestellt hat. Es misst und bewertet Wohlstand und Wachstum in Schleswig-Holstein in Form eines regionalen Wohlfahrtsindexes. Das Ergebnis ist überraschend, kurz gefasst lautet es: In dem nach herkömmlichen Maßstäben als „strukturschwach“ etikettierten Bundesland mit einem vergleichsweise geringem Wirtschaftswachstum sind die Menschen überdurchschnittlich glücklich! Einem Wirtschaftswachstum von nur 0,2 Prozent im Vergleichsjahr 2008 steht ein Zuwachs von 9,4 Prozent beim so genannten Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI) gegenüber. Die Indikatoren, die in dessen Berechnung miteinfließen, sind unter anderem die Nettoneuverschuldung eines Landes, der Umfang des ehrenamtlichen Engagements, öffentliche Ausgaben für die ökologische Transformation der Wirtschaft, aber auch die Verschmutzung von Wasser, Boden und Luft.

Wer genau wissen möchte, wie die Forschungsstelle der Evangelischen Studiengemeinschaft und das Forschungszentrum für Umweltpolitik der FU Berlin und das Institut für ökologische Wirtschaft gerechnet haben, der kann sich die Studie übrigens frei zugänglich im Internet herunterladen. Sie bestätigt unter anderem auch die Beobachtung des Sozialpsychologen Harald Welzer, dass die gesellschaftlichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte auf Fortschritten bei Bildung, Gesundheit und Kommunikation zurückgehen, und eben nicht auf wirtschaftliches Wachstum, das durch die sich immer weiter öffnende Schere der ungleichen Einkommensverteilungen ohnehin immer weniger Menschen zu Gute kommt. Das Wohlbefinden unserer Bevölkerung hängt vielmehr von dem Ausmaß an Partizipationsmöglichkeiten, Gefühl der Solidarität, Zugang zu Kultur- und Bildungsgütern sowie Lebensqualität ab, als nur vom Bruttoinlandprodukt. Übrigens: Zwei Drittel der Deutschen zweifeln inzwischen daran, dass ihre Lebensqualität automatisch steigt, wenn die Wirtschaft wächst.

Es ist also nicht mehr das reine Wirtschaftswachstum, auf das wir bauen könnten oder sollten. Andere Fragen werden uns in Zukunft beschäftigen. Die Frage der Verteilung knapper werdender Güter steht ganz oben auf der Agenda, wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen. Regional, national, global. Unser Fleischkonsum zerstört Lebensräume am anderen Ende der Welt und erzeugt Unmengen an Treibhausgasen. Das zwanzigste T-Shirt für 5 Euro im Schrank zerstört nicht nur Natur, sondern ist mindestens auch ein Angriff auf soziale Gerechtigkeit. Daher brauchen wir den Willen und müssen die Bereitschaft fördern, auf das große Ganze zu schauen und gleichzeitig im Kleinen, vor Ort, zu beginnen. Unser lokales wie nationales Handeln, unser Konsum, unser gesamter Lebensstil hat unausweichlich supranationale Auswirkungen.

Was wir also brauchen ist der Mut, die eine oder andere unkonventionelle Idee zu denken und dann auch auszusprechen. Wie zum Beispiel die, dass Wachstum nicht alles ist, und dass eine Ökonomie des Genug eine nachhaltige Strategie für ein gutes Leben für mehr Menschen sein könnte.

Also, was wächst nun in der Krise? Ich hoffe, es wächst die Bereitschaft in der Gesellschaft, neu zu denken. Darin waren und sind wir GRÜNE übrigens gut, und das sollten wir uns erhalten und weiterentwickeln. Ich hoffe, es wächst der Mut, Abschied vom alten Wachstumsbegriff zu nehmen und sich auf neue Wege hin zu einem „guten Leben“ zu machen. Ich hoffe, es wächst das Bewusstsein dafür, dass Nachhaltigkeit mehr als ein Werbebegriff für vermeintlich oder wirklich umweltfreundliche Produkte oder für politische Konzepte ist. Nicht zuletzt: Ich hoffe, dass in der Krise das Bewusstsein dafür wächst, dass wir global alle in einem Boot sitzen, nicht nur was die Wirtschaft, sondern auch was künftige soziale, ökologische und kulturelle Fragen, Konflikte und Lösungen angeht. Daran lasst uns gemeinsam arbeiten!

Herzlichen Dank!